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#10 Über Hörverlust und Schwindel – was in der Hörakustik-Beratung wichtig ist

Schwindel gehört zu den häufigsten Beschwerden in der Medizin – und wird trotzdem oft missverstanden. Denn Schwindel ist keine eigene Krankheit, sondern ein Symptom. Und erstaunlich oft liegt die Ursache im Innenohr. Genau dort, wo auch unser Hören entsteht.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Frank Schmäl, HNO-Arzt und Leiter der Schwindelambulanz des Zentrums für HNO Münster / Greven, schaut Podcast-Host Tobias Plöger genauer hin: Wie hängen Hörverlust und Gleichgewichtsstörungen zusammen? Warum haben bis zu 30 Prozent aller Menschen mit Hörminderung auch Schwindelprobleme? Und warum löst genau dieses Symptom bei vielen Betroffenen so große Angst aus?

Es geht um konkrete Krankheitsbilder wie Morbus Menière, um seltene Innenohrerkrankungen und um die Frage, wie sich Schwindel im Alltag anfühlt – von kurzen Unsicherheiten bis hin zu massiven Attacken mit Kontrollverlust. 

Gleichzeitig wird deutlich, welche wichtige Rolle Hörakustikerinnen und Hörakustiker in der Praxis spielen können: als erste Anlaufstelle, als aufmerksame Zuhörer und Zuhörerinnen und als diejenigen, die Hinweise erkennen und richtig einordnen.

Hearing Connects macht deutlich, wie eng Hören und Gleichgewicht zusammengehören. Und warum gute Beratung manchmal weit über das eigentliche Hörsystem hinausgeht.

Station Voice [00:00:01] Willkommen bei Hearing Connects, dem Podcast für Hörakustik von Fielmann. 

Tobias [00:00:15] Kopfschmerzen sind die häufigste körperliche Beschwerde in der Medizin und direkt danach kommt der Schwindel. Schwindel an sich ist jedoch keine Krankheit, es ist vielmehr das Symptom einer Erkrankung und recht oft hat diese etwas zu tun mit unseren Ohren. Ich werfe jetzt gleich zu Beginn mal eine erschreckende Zahl in den Raum: mindestens 20 bis 30 Prozent aller Menschen mit Hörverlust haben auch Schwindelsstörungen. Oft immer wiederkehrend. Das ist der Grund, warum wir darüber sprechen. Hier bei Hearing Connects. Mein Name ist Tobias Plöger und ich freue mich, dass ihr dabei seid. Wenn es um Schwindel geht, kommt man an ihm nicht vorbei. Professor Dr. Frank Schmäl. Er ist der wohl bekannteste Schwindelexperte und Hals-NasenOhren-Professor. Dr. Frank Schmähl, willkommen bei uns. 

Frank Schmäl [00:01:02] Ja, vielen Dank lieber Tobi für die Einladung hier zu euch ins Studio. 

Tobias [00:01:06] Frank, du leitest die Schwindelambulanz des HNO-Zentrums Münster und Greven. Das klingt so, als wäre das so was wie die letzte Zuflucht für Menschen mit Schwindel, die einfach nicht mehr richtig weiter wissen. Was macht eine Schwindelambulanz anders als ein in Anführungsstrichen normaler Hals-Nasen-Ohrenarzt? 

Frank Schmäl [00:01:22] Es ist eine Spezialisierung an Untersuchungstechniken einerseits und andererseits natürlich an Erfahrung. Das Know-how ist da, die Kenntnis von Schwindelerkrankungen, die manchmal eben sehr selten sind und dadurch beim normalen Hals-Nasen-Ohrenarzt nicht so ganz geläufig sind. 

Tobias [00:01:38] Du hast eine unglaubliche Erfahrung. Seit wann bist du Schwindel-Experte? Wie bist du das geworden? 

Frank Schmäl [00:01:43] Ja, seit Mitte der 90er Jahre, ich bin nach Münster gekommen und mein damaliger Chef hatte auch so ein Faible für das Thema Gleichgewicht und Schwindel. Und als ich im ersten Jahr da war, hat er mich auf diesen Zug aufgesetzt und da kann man natürlich nicht nein sagen und im Nachgang war das auch ein guter Ratschlag von ihm. 

Tobias [00:01:58] Für viele Menschen ist Schwindel ja ein echter Angstgegner, den sie mehr fürchten als zum Beispiel Bluthochdruck oder Rheuma. 

Frank Schmäl [00:02:06] Na ja, Schwindel bedeutet Kontrollverlust. Schwindelerkrankungen mit Anfällen können jederzeit auftreten. Bei meinen Patienten, die sagen, was ist denn, wenn ich das auf dem Flughafen bekomme oder im Flugzeug. Und dieser Kontroll-Verlust macht unglaubliche Angst und deswegen ist der Leidensdruck bei dem Thema Schwindel- und Gleichgewichtsstörungen hoch. 

Tobias [00:02:24] Ich hab das eben schon kurz angedeutet, schlechtes Hören und Schwindel kommen oft im Doppelpack, bis zu jeder dritte Mensch mit Hörminderung hat Gleichgewichtsprobleme. Warum ist das so? Wie hängt das zusammen? 

Frank Schmäl [00:02:35] Naja, das Hör- und Gleichgewichtsorgan ist ein Baustein im Innenohr. Die haben die gleichen Nerven und die gleichen Kerne im Hirnstamm. Und das wird in die gleichen Hirnregionen geleitet. Und es gibt verschiedene Ursachen, die sowohl bedingen, dass Patienten Hörstörungen haben und dann auch Probleme mit Schwindel und oder Gleichgewicht. 

Tobias [00:02:53] Ich vermute mal ein Teil der Menschen, die im lebenserfahrenen Alter schlecht hören und eben auch mit Schwindel kämpfen, haben jetzt nicht zwingende Erkrankungen, oder? 

Frank Schmäl [00:03:01] Nee, also es gibt jetzt nicht den Altersschwindel, das wird immer so genannt, aber wenn wir jetzt eine Gruppe 80-Jähriger nehmen und eine Grupe 30-Järiger, dann hören die 80-jährigen schlechter als die 30-jährige und die haben auch stärkere Gleichgewichtsstörungen, natürlich sind unsicherer. Das hat natürlich viele Faktoren. Bei uns im Alter kommt es dazu, dass die Sinnesysteme natürlich abnutzen. Die Augen werden schlechter, das Hören wird schlechter. Die Muskelkraft verlieren wir ab 50, bauen wir schon Muskulatur ab und die Gleichgewichtorgane haben auch eine gewisse Abnutzung, das nennt man eine Presbyvestibulopathie. Und im Alter sind die Durchblutungsstörungen im Kopf stärker und das Hirn schrumpft ein bisschen und dieser Zentralrechner des Gehirns, wenn der Beeinträchtigung hat, das führt natürlich dazu, dass am Ende dann die 80-Jährigen unsicher sind als die 30-Jähigen. 

Tobias [00:03:47] Hm, klar. Hörakustikerinnen und Akustiker sind ja nicht nur Audio-Experten, sondern auch Vertrauenspersonen, mit denen Kundinnen und Kunden durchaus auch viele Sorgen und Ängste teilen. Zum Beispiel auch über Schwindelgefühle. Bei den rein altersbedingten Veränderungen können Höralkustiker ja wenig tun. Wann aber sollten sie hellhörig werden? 

Frank Schmäl [00:04:09] Naja, zum Beispiel, es gibt Schwindelerkrankungen, die explizit mit Hörstörungen einhergehen. Zum Beispiel eine Abflussstörung der Innenohrflüssigkeit, der sogenannte Morbus Menière. Da kommt es zu Hörstürzen, rezidivierend, zu einseitigen Schwerhörigkeiten. Und die Patienten können Schwindelanfälle von 20 Minuten bis 12 Stunden Dauer haben, die wirklich massiv sind. Die liegen dann mehrere Stunden erbrechend im Bett, können nicht mal auf die Toilette gehen. Und das ist natürlich stark lebenseinschränkend. Und das findet man eben häufig in Kombination mit einer einseitigen Schwerhörigkeit. 

Tobias [00:04:36] Du hast es gerade angesprochen, Morbus Menière. Wir haben in der letzten Folge gesprochen mit dem ehemaligen DJ Thomas Sünder. Wenn ihr die Folge nicht gehört habt, das solltet ihr unbedingt nachholen. Denn was Thomas erzählt, ist nicht nur total krass, sondern auch unglaublich spannend und inspirierend. Und wir haben Thomas für unsere heutige Folge noch einmal gebeten, zu beschreiben, wie er seine erste Menière-Schwindel-Attacke erlebt hat. Ausgerechnet während einer riesigen Party hinter dem Mischpult. 

Thomas Sünder [00:05:05] Also die Schwindel-Attacke ist absolut bedrohlich. Sie kommt absolut plötzlich aus dem Nichts. Der Schwindel ist so heftig, dass man nichts mehr fixieren kann. Die Augen bewegen sich total schnell und es haut einen einfach von den Latschen. Ich weiß nicht, wie man das beschreiben kann, wenn man es noch nicht erlebt hat. Vielleicht vom Blitz getroffen, ja. Man ist völlig in einer Situation drin, die ganz normal ist, und es haut einen einfach um. Und dann ist es ja auch so, dass dieser Schwindel über Stunden bleiben kann. So war es dann bei mir, und in der Zeit ist man eigentlich vollkommen hilflos. 

Tobias [00:05:37] Was ist jetzt mit deiner Schwinderkrankung, hast du immer noch Symptome?

Thomas Sünder [00:05:42] Ich hab zum Glück seit Jahren keine Schwindel-Attacke mehr gehabt. Ich hab sehr viele Dinge in meinem Leben verändert und offensichtlich mit großem Erfolg. Natürlich bleibt die Schwerhörigkeit und der Tinnitus bleibt, aber zum Glück hab ich kein Schwindel mehr. 

Tobias [00:05:56] Was genau hast du alles verändert? 

Thomas Sünder [00:05:58] Also, ich hab erstmal in meinem Leben verändert, dass ich einen vernünftigen Schlafrhythmus hab, weil Nachtarbeit ist natürlich Gift. Ich hab meine Ernährung verbessert. Ich hab insgesamt einfach ein bewussteres, gesünderes Leben. Und ich habe auch noch etwas orthopädisches verändert: ich habe meinen Körper einmal ausmessen lassen und es wurde ein Schiefstand festgestellt, den ich jetzt mit so einer bestimmten Art von Einlagen ausgleiche. Das kann tatsächlich von den Füßen bis hoch zum Kopf wirken, wo eben das Ohr sitzt. 

Tobias [00:06:28] Frank, erlebst du diese Todesangst, diese totale Verunsicherung bei den Menschen, die dich als Schwindel-Experte aufsuchen öfters? Kannst du die nachvollziehen? 

Frank Schmäl [00:06:37] Ja, gerade bei so akuten Schwindelereignissen, die erstmalig auftreten, da ist die Angst bei den Patienten, gerade wenn die auch älter sind: ist es ein Schlaganfall, habe ich einen Herzinfarkt...? ...Und das muss man als Differentialdiagnose zumindest den Schlaganfall bei so starkem Schwindeln mit Erbrechen, der länger andauert, auch in Betracht ziehen. Und das sollte dann auch immer, wenn das das erstmalige Ereignis ist, abgeklärt werden. 

Tobias [00:06:55] Aus deiner Erfahrung als Facharzt, kann man in der Situation, in der man sich da befindet, wenn man diese Schwindelattacke hat, irgendwie befreien? Gibt es irgendwas, was man selbst tun kann, um diese Schindelattake zu zu verkürzen oder zu beenden? 

Frank Schmäl [00:07:10] Gut, also bei Patienten, die zum Beispiel so ein Morbus Menière haben und so einen Anfall kriegen, wenn die das schon häufiger hatten, haben die meist ein Medikament, das heißt Dimenhydrinat. Das dämpft das zentrale Gleichgewichtssystem. Das führt dazu, dass sie den Schwindel nicht so stark empfinden, die Übelkeit nicht so stark ist. Das ist auch in niedriger Dosierung in Reisetabletten drin, so gegen Reisekrankheiten. Meine Reisekrankheit ist im leichteren Sinne ähnlich wie so eine Schwindeltacke nur eben eine Schindelattacke ist da natürlich viel heftiger. 

Tobias [00:07:33] Aber wenn wir Thomas zugehört haben, er hat ja gesagt, er war überhaupt vollkommen orientierungslos. Das heißt, wenn man so eine Schwindelattacke hat, ist man dann überhaupt noch in der Lage sich eine Tablette rein zu pfeifen? 

Frank Schmäl [00:07:42] Ja, also das ist ja eine Abflussstörung der Innenohrflüssigkeit und die baut sich meistens ein bisschen auf. Wenn Patienten mehrere Anfälle gehabt haben, dann merken die manchmal schon: oh da ist irgendwas am Ohr, ein Ohrgeräusch wird lauter, es entsteht ein Druck... Und die haben dann schon so eine Kenntnis ihrer Erkrankung und wenn die dann merken, okay diese Symptome bauen sich auf, dann nehmen die schon mal prophylaktisch das Medikament. Wenn die sich natürlich erst mal heftig erbrechen und so ist natürlich schwierig, dann muss man das teilweise auch als Zäpfchen tatsächlich kriegen.

Tobias [00:08:06] Diese Innenohrerkrankung hat immer auch direkte Auswirkungen auf das Hören. Beschreib uns das doch bitte mal. 

Frank Schmäl [00:08:11] Ja, es gibt verschiedene Verlaufsformen. 50 Prozent der Patienten mit Morbus Menière kriegen ihren Schwindelanfall gleich mit einem Hörsturz, aber es gibt auch Patienten, die anfangs nur Tieftonhörstürze haben und so war das beim Thomas Sünder ja auch und die dann in der Folge bei nächsten Hörsstürzen dann auch so Schwindelandfälle dazukriegen. Und anfangs ist das immer ein Tieftonabfall im Hörtest, der auch mal wieder weggeht. Dann hören die zwischendurch wieder normal, aber wenn die schon häufiger Anfälle hatten oder die Erkrankung länger besteht, dann kann sich das entwickeln, dass die Schwerhörigkeit bleibt und dann manchmal auch alle Frequenzen betrifft, sodass die Patienten plötzlich beim Hörgerät der Akustiker sitzen mit einer einseitigen Schwerhorigkeit. 

Tobias [00:08:48] Für euch Hörakustikerinnen und Akustiker da draußen. In der letzten Folge hat Thomas Sünder ja bereits sehr wichtige Tipps gegeben, worauf ihr bei der Behandlung von Kunden mit Morbus Menière achten solltet, bei der Einstellung der Hörsysteme und womit ihr auch immer rechnen müsst. Was, Frank, ist denn aus deiner Sicht als Mediziner noch zu ergänzen zur Hörsituation von Menièrepatienten? 

Frank Schmäl [00:09:10] Also die Problematik von Einstellungen bei Menièrepatienten mit einer einseitigen Schwerhörigkeit ist ja, dass die Schwerhörigkeit nur einseidig ist, also die haben keinen symmetrischen Hörverlust. Das ist manchmal schwierig einzustellen, da kann man eine Hörhilfe auf ein Ohr setzen und wenn der so stark schwerhörig ist und das andere Ohr völlig normalhörig ist, dann ist das schwierig zu kompensieren und das Hören kann fluktuieren, das heißt der kann Dienstags mal besser hören als Donnerstags und das ist für den Akustiker natürlich eine echte Herausforderung, wenn das immer wieder wechselt. 

Tobias [00:09:36] Was kann er da tun? So eine Mittel-Einstellung nehmen? 

Frank Schmäl [00:09:38] Ja, vielleicht eine Mitteleinstellung nehmen oder, ich weiß nicht, wir haben ja auch schon gehört, KI's haben schon Einzug in die Hörgeräte gehalten. Vielleicht können die da auch helfen, dass die das dann selbstständig einstellen im digitalen Hörergerät. Aber in der Anfangsphase der Erkrankung, wo das manchmal sehr stark fluktuiert, von starkem Tieftonabfall bis Normalhörigkeit, ist das manchmal schwierig. 

Tobias [00:09:56] Kann man eigentlich sagen, wer Morbus Menière bekommt, wodurch das ausgelöst wird? 

Frank Schmäl [00:10:01] Also das ist multifakturell bedingt. Es gibt mehrere Ursachen. Es gibt 10 Prozent aller Minierpatienten, da ist das genetisch bedingt, die haben einen Gendefekt, da können das Eltern und Kinder oder Geschwister haben. Und ansonsten diese Abflussstörung im Innenohr kann da teilweise durch Stress bedingt sein. Man weiß, dass Stresshormone da negativen Einfluss haben, Salzkonsum manchmal. In dem Abflüssgang ist Immungewebe. Es gibt Patienten, die sagen, ich habe eine Impfung gekriegt, jetzt habe ich plötzlich Minieranfälle oder ich habe einen starken Infekt gehabt und Minieranfälle. Es gibt auch Patienten, die Autoimmunerkrankungen haben, wie Rheuma oder chronische Darmentzündungen und da gibt es auch eine Korrelation mit dem Morbus Menière, weil auch da dieser Abfluss, wo das Immungefäbe drin ist, wo die Innenlohrflüssigkeit abfließen soll, dann eben nicht so richtig abfließt und sich im Ohr anstaut und dann den Anfall auslöst. 

Tobias [00:10:46] Ich muss noch mal ganz kurz nachfragen, du hast gerade eben Salz gesagt - das heißt, wenn ich auf mein Ei ordentlich Salz drauf haue, bin ich gefährdeter als jemand, der nur wenig nimmt? 

Frank Schmäl [00:10:55] Nicht so direkt, also es gibt ein gutes Tierexperiment, da hat man Ratten salzarm, salzreich und normal salzhaltig ernährt und hat den Abfluss der Innenlohrflüssigkeit gemessen und hat festgestellt, dass die Ratten, die da Salz konsumiert haben, stärker Salz konsummiert haben dass der Abflüss schlechter war. Ob die jetzt auch einen Menièreanfall dadurch gekriegt hätten, sei dahingestellt. Aber wenn wir jetzt schon Menièrepatienten haben, wo ja generell schon eine Abflusstörung besteht und dann kann Salz sich da negativ auswirken. Also ich kann mich an einen Patienten erinnern, der hat gesagt, immer wenn ich mit meinen Kollegen Kegeln gehe und eine Pommes Currywurst esse, dann habe ich am nächsten Morgen einen Menièreanfall - durch die salzhaltigen Pommes. Also wenn sich sowas herauskristallisiert, dann sollte man das natürlich vermeiden. Aber es ist nicht so, dass jeder Menièrepatient jetzt auf Salz verzichten muss. Aber es gibt da zumindest einen Zusammenhang. 

Tobias [00:11:36] Mhm, okay. Kommen wir zu einer weiteren Erkrankung, die zu Hörverlust und Schwindel führt. Auch in diesem Fall einseitig. Das Hören auf einem Ohr wird immer schlechter. Parallel entstehen kontinuierliche, zunehmende Gleichgewichtsstörungen und Schwindelgefühle. Was kann das sein? 

Frank Schmäl [00:11:52] Also da muss man immer bei jeder einseitigen Schwerhörigkeit muss immer ein gutartiger Tumor des Hör- und Gleichgewichtsnerven ausgeschlossen werden. Früher hieß der Akustikusneurinom, weil er sich meistens immer bemerkbar machte, weil die auf einem Ohr schlechter hörten. Eigentlich geht er aber vom Gleichgewichtsnerven aus, deshalb heißt er Vestibularisschwannom. Und die Dinger wachsen langsam und die machen nicht so einen akuten Ausfall wie so ein Menièreanfall, sondern die werden langsam immer unsicher auf dem Bein. Die Schwerhörigkeit auf einer Seite wird immer schlimmer und dann muss man immer ein MRT des Kleinhirnbrückenwinkels, das ist die Region, wo der Höhen- und Gleichgewichtsnerv lang zieht, machen, um zu schauen, dass da nicht so ein gutartiger Höhen-, Gleichgewichtsnerven-Tumor vorliegt. 

Tobias [00:12:29] Was man als Akustiker in solchen Fällen eben tun kann, darauf kommen wir gleich zu sprechen. Eine ganz... Das klingt jetzt vielleicht komisch, aber eine ganz spannende Ohrenerkrankung ist auch noch das genaue Gegenteil von dem, über was wir gerade gesprochen haben, nämlich dass jemand zum Akustiker geht, ein Hörsystem bekommt und die Lautstärke überhaupt nicht mehr erträgt und das Gefühl hat, er hört selbst die Bewegung seiner Augen. Dazu kommt dann auch noch Schwindel. Was ist denn das? 

Frank Schmäl [00:12:55] Also es gibt ein seltenes Krankheitsbild, nur 0,5 Prozent aller Schwindelpatienten haben das, da fehlt im Gleichgewichtsorgan oben etwas Knochen und die haben da eine vermehrte Wahrnehmung von körpereigenem Schall, können manchmal auf einer Seite auch eine Hörminderung haben und die hören dann teilweise, dass ihre Stimme in dem Ohr sehr laut, Kaugeräusche, manchmal wenn sie auftreten mit dem Fuß und manche Patienten berichten tatsächlich, dass, wenn sie in einem ruhigen Raum ein Buch lesen, dass sie hören, wie sich die Augen im Kopf bewegen. Wenn man dieses Krankheitsbild nicht kennt, würde man ja erst mal sagen, naja, da scheint was psychisches zu sein, aber tatsächlich gibt es das als anatomische Variante, dass da der Knochen fehlt und die Patienten dann dieses spooky Symptom haben. 

Tobias [00:13:34] Wie heißt das? 

Frank Schmäl [00:13:35] Das gehört zu dem... Komplizierter Begriff... "Syndrom des dritten mobilen Fensters" und der Hauptvertreter ist Dehiszenz des oberen vertikalen Bogengangs. Das ist einer der Teile des Gleichgewichtsorgans, wo dann am häufigsten der Knochen oben fehlt. 

Tobias [00:13:47] Und was macht man dann? Kann man da was machen? 

Frank Schmäl [00:13:49] Na gut, erstmal hat man da erstmal eine Diagnose gestellt. Manche Patienten denken ja schon: ich bin verrückt... Das sind sie nicht. Und je nach Leidensdruck kann man entweder das da oben wieder abdecken sozusagen, dass das wieder verschlossen ist, oder man kann diese Röhre quasi zumachen, dass der Schalter gar nicht mehr rausgeht aus diesem Fenster. 

Tobias [00:14:05] Was wir auch nicht vergessen dürfen, Schwindel kann auch ausgelöst werden durch Medikamente und Medikamenten können auch den Hörsinn beeinträchtigen, welche zum Beispiel. 

Frank Schmäl [00:14:15] Ich werde immer hellhörig, wenn Patienten mit Gleichgewichtsstörungen kommen und die sagen, die haben irgendwie eine Herzklappenentzündung gehabt oder einen Gelenkersatz bekommen, Hüfte, Knie, das hat sich infiziert, dann haben sie Antibiotika bekommen. Es gibt eine Antibiótika-Gruppe, sogenannte Aminoglycoside, und die sind ototoxisch. Das heißt, die können sowohl das Hör- als auch das Gleichgewichtsorgan schädigen. Und das sind dann auch keine Patienten, die so starke Drehschwindel-Anfälle kriegen, sondern die plötzlich berichten, ich werde immer unsicher auf den Beinen, im Dunkeln habe ich starke Gleichgewichtsstörungen und ich kann nicht mehr Fahrrad fahren. Und die nach so einem Ereignis, wie was ich gerade beschrieben habe, dann plötzlich Gleichgewichtsstörungen und Hörstörung haben. 

Tobias [00:14:51] Mhm, das kann man dann machen. 

Frank Schmäl [00:14:52] Natürlich wegen der Schwerhöriggkeit erstmal mit einem Hörsystem versorgen und die Therapie dieser sogenannten beidseitigen Gleichgewichtsstörung ist lebenslanges Gleichgewichts-Training. Also Koordinationsübungen, gegebenenfalls auch mit Physiotherapeuten zusammen ein Trainingsprogramm erarbeiten. 

Tobias [00:15:06] Was ist dir als Halsnasen-Ohren-Professor und Schwindel-Experte eigentlich lieber? Was lässt sich besser behandeln? Psychisch-seelisch ausgelöste Schwindel- und Hörverluste oder medikamentös und krankheitsbedingt herbeigeführte Auswirkungen? 

Frank Schmäl [00:15:20] Also viele Patienten kommen ja zu mir und sagen, sie sind so meine letzte Hoffnung und man muss sagen, dass 10 bis 20 Prozent aller Patienten in großen Schwindelambulanzen keine organische Schwindelsursache mehr haben. Die hatten vielleicht eine und dann haben die ihre Software im Kopf umprogrammiert und achten jetzt ständig auf Schwankungen des Körpers. Die haben wir alle. Und die haben manchmal eine sehr, sehr große Sehnsucht nach einer organischen Diagnose. 

Tobias [00:15:42] Weil sie eine Erklärung haben möchten oder was? 

Frank Schmäl [00:15:45] Weil sie sich ich für sich das nicht erklären können, dass es nicht organisch bedingt ist. Die möchten eine organische Diagnose haben. Und wenn man denen dann sagt: Nee, das ist einfach nur eine Veränderung ihrer Beachtung auf das System, dann sind viele zufrieden und machen einen Haken dran. Und manche rennen so lange weiter, bis irgendeiner irgendeine Fantasiediagnose nennt, die organisch-bedingt ist und die glauben die dann. 

Tobias [00:16:04] Es ist ja ganz häufig so, dass Menschen einfach total ungerne zum Arzt gehen, dass ihre Symptome aber durchaus zumindest in manchen Fällen Schnellhinweise auf die Erkrankung geben könnten, wenn denn ein Arzt darüber Bescheid wüsste. Würde es aus deiner Sicht Sinn machen, die Frage nach einem wiederkehrenden Schwindel zum Beispiel auch beim Hörakustiker fest in ein Beratungsgespräch zu verankern? 

Frank Schmäl [00:16:28] Der Hörakustiker und der Patient, die haben ja wiederkehrende Treffen, und wenn zum Beispiel jemand eine einseitige Schwerhörigkeit hat, dann würde ich schon mal fragen, haben Sie schon mal einen Schwindelanfall gehabt, wo Sie auch vielleicht sogar erbrochen haben? Das kann ja sein, dass der Patient das gar nicht mit seinem Ohr in Verbindung bringt, der Akustiker dann aber weiß, Mensch, das kann ja zum Beispiel ein Morbus Menière sein. Oder man fragt mal, Sie haben so eine starke einseite Schwerhörigkeit, ist denn da schon mal ein MRT gemacht worden, dass man einmal den Hörnerv untersucht hat? 

Tobias [00:16:55] Wenn der Hörakustiker jetzt von seinem Kunden oder seiner Kundin erfahren hat, dass es wiederkehrende Schwindelattacken gibt, mit welchen Fragen könnte er das Problem noch ein bisschen genauer eingrenzen? Was könnte er noch nachhaken, um die Ursache zu erkennen? 

Frank Schmäl [00:17:10] Also ich würde fragen, ist das ein starker Drehschwindel, ist Ihnen dabei auch übel geworden, sodass Sie sich hinlegen mussten und gar nicht auf dem Bein halten konnten? Das würde ja für so eine Innenohrerkrankung sprechen. Oder ist es eher so, wenn einem jemand erzählt, naja, wenn ich aus dem Sessel aufgestanden bin, ist mir mal zehn Sekunden eben schwummerig und dann ist es wieder weg. Das würde eher für ein Kreislaufproblem sprechen. Also differenzieren: ist es ein starker Dreh-Schwindel oder ist es eher so ein Unsicherheitsschwankgefühl? 

Tobias [00:17:31] Und dann könnte der Akustiker natürlich auch dafür sorgen, dass der Kunde im Zweifelsfall einfach mal zum Arzt geht. Wann kommen denn die Leute zu dir? Kommen die meisten erst dann, wenn es wirklich richtig brennt? 

Frank Schmäl [00:17:43] Also es kommen natürlich Patienten, die Akutschwindel haben zu mir, die aus dem Umkreis kommen, aber es kommen auch Patienten, die chronisch Schwindel haben, entweder dauerhaft oder diese Schwindel-Anfälle und wo teilweise gar keine Diagnose gestellt wurde oder zwei, drei Diagnosen. Wenn man Glück hat, stimmt dann eine von denen. Manchmal ist es auch noch eine vierte, die gar nicht aufgeführt war. Also das ist so ein Gemisch aus Akutschwindel und chronisch länger dauerndem Schwindel. 

Tobias [00:18:05] Gibt es aus deiner Mediziner-Sicht noch irgendeinen Tipp, irgendein Hinweis, den du allen Höherakustikerinnen und Akustiker mit auf den Weg geben kannst? Also so ein Rat, der ihnen hilft bei ihrer Arbeit mit Menschen, die eben nicht nur schlecht hören, sondern auch, ich sag mal, schwindeln. 

Frank Schmäl [00:18:20] Ja gut, also ich würde schon bei dieser einseitigen Schwerhörigkeit bleiben, dass das eben wichtig ist, dass man klärt, ob die Schwindelanfälle hatten und ob die sozusagen auch da Probleme mit Hörstörungen und Schwindeln haben oder ob ein MRT gemacht worden ist. Andererseits, wenn Patienten stark schwerhörig sind und sich extrem unsicher fühlen auf den Beinen oder mit Rolator reinkommen oder alleine selbstständig gar nicht mehr so richtig gehen können, muss man das natürlich auch weiter abklären. Also wenn der Akustiker das Gefühl hat, okay, der hört schlecht, aber der kommt ja auch sehr unsicher in das Hörakustikstudio rein, dann würde man ja schon mal fragen, gibt es da für eine Ursache, haben sie schon mal abklären lassen. 

Tobias [00:18:54] Ich habe vielleicht noch eine absurde Frage zum Schluss, aber wenn wir schon mal einen Hals-Nasen-Ohrenmediziner hier haben, dann möchte ich das gerne wissen. Es gab in den 1960er- bis 80er-Jahren gleich mehrere Untersuchungen, die zu dem Ergebnis gekommen sind, dass Inuit, also die indigenen Volksgruppen Alaskas und Grönlands, messbar weniger Hörverluste im Laufe ihres Lebens erleiden und auch im Alter spürbar besser hören können als Menschen bei uns. Woran liegt das? Am kalten Wetter oder in der Herkunft? Was ist der Grund? 

Frank Schmäl [00:19:23] Ja, also man vermutet, dass es vielleicht genetisch bedingt ist. Das ist es aber eher nicht. Aber es gibt Faktoren: die klassisch lebenden Inuit, die haben weniger Lärmbelastung. Wenn man jetzt hier mal durch Hamburgs Straßen geht und da kommt ein Rettungswagen angefahren, dann halte ich mir schon mal die Ohren zu, weil das doch extrem laut ist. Also diese Umwelt-Lärmbelastung, die ist natürlich bei Westeuropäern hochgegeben und bei den Inuit eher nicht, da ist es ja eher leise. Und man vermutet noch, dass Ernährung eine Rolle spielt. Die essen natürlich viel Fisch, Omega-3-Fettsäugen, was wir alles als Supplements noch so zusätzlich zu uns nehmen, das spielt anscheinend auch noch eine Rolle bei der Ernährung, dass dieser Grad, der sich jetzt da gebildet hat, wird aber in den nächsten Jahren weniger werden, weil da wird auch der Hundeschlitten durch Motorschlitten ersetzt und teilweise die Fast-Foot-Ketten machen natürlich auch vor Grönland und Alaska nicht halt. Also das heißt, so klassisch lebende Inuit werden ja immer weniger und aber die haben schon doch deutlich, besonders im Alter, besser gehört. 

Tobias [00:20:11] Aber was die Gründe dafür angeht, hast du jetzt sehr oft das Wort "vermutet man" in den Mund genommen. Das heißt, es gibt schon wirklich auch noch ganz viel beim Thema hören, was wir noch gar nicht wissen. 

Frank Schmäl [00:20:21] Ja, beim Hören und Gleichgewicht, was wir noch nicht wissen, aber bei den Inuit ist schon die Ernährung und diese weniger Lärmbelastung augenscheinlich der Grund, warum die im Alter eben ein bisschen besser gehört haben als wir. 

Tobias [00:20:30] Okay, ab jetzt gibt es mehr Fisch und weniger Salz bei mir, das haben wir schon gelernt. Auch wenn es geht, irgendwie weniger Lärm, gibt es abschließend noch irgendetwas, was du uns mit auf den Weg geben kannst, wie wir unser Gehör so gut wie möglich lange erhalten können. 

Frank Schmäl [00:20:45] Gut, also Lärmbelastung spielt, wie gesagt, eine Rolle. Wenn wir jetzt sehr laut Musik über Kopfhörer hören oder zu Konzerten gehen und die Ohren immer ungeschützt sind, spielt das eine große Rolle. Es gibt natürlich auch Lärmschwerhörigkeiten an Arbeitsplätzen. Früher waren das Webereien oder wenn Arbeiter mit Presslufthammern arbeiten und das immer wieder machen, mehrere Tage die Woche über Jahre, dann schädigt das auch das Gehör. Also die Ohren vor massiven Lärm zu schützen, ist sicherlich schon sinnvoll. Und wie gesagt gute Fette zu sich zu nehmen, zum Beispiel Omega-3 ist sicher auch kein Fehler in diesem Zusammenhang. 

Tobias [00:21:14] Lieber Frank, ganz ganz vielen Dank für deinen Besuch bei Hearing Connects. Es war wirklich einfach total spannend mal über diesen Tellerrand rauszuschauen und besser zu verstehen, wie sehr Hören und Gleichgewicht zusammenwirken. Du hast das super verständlich erklärt. Vielen Dank. 

Frank Schmäl [00:21:27] Ja, lieber Tobias, ganz herzlichen Dank. Hab mich hier wohl gefühlt und war ein schöner Ausflug nach Hamburg. Danke sehr. 

Tobias [00:21:31] Soviel für den Moment. Ich hoffe, euch hat die heutige Folge gefallen. Dann empfehlt uns gerne euren Kolleginnen und Kollegen. Lasst ein Like da und abonniert sehr gerne unseren Podcast, denn auch in zwei Wochen wird es wieder spannende Themen für die Hörakustik geben. Bis dahin wünsche ich euch eine gute Zeit. Danke, dass ihr dabei wart und wir hören uns. 

Station Voice [00:21:49] Vielen Dank für´s Zuhören und bis zum nächsten Mal bei Hearing Connects. Weitere Infos zur Podcastfolge und zu den Karrieremöglichkeiten bei Fielmann gibt's auf career.fielmann.com/hearing-connects. 

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