#1 Hören neu denken: So klingt die Zukunft der Hörakustik
Station voice [00:00:01] Willkommen bei Hearing Connects, dem Podcast für Hörakustik von Fielmann.
Tobias [00:00:15] Ich wage jetzt mal eine ganz steile These. Einer der besten Jobs, die man haben kann, ist der des Hörakustikers. Hör-Akustiker werden geliebt, geschätzt und gemocht. Und das, obwohl keiner so richtig Bock hat, auch nur einen von ihnen wirklich kennenzulernen. Schließlich will der Akustiker seinem Kunden ja was verkaufen. Und zwar etwas, das der gar nicht haben will. Ein Hörgerät. Und das ist groß, hässlich, fleischfarben und fiept. Stimmt alles nicht, aber zumindest glauben das viele Kunden. Und deshalb gibt es Menschen, die schon fast nichts mehr hören können und die trotzdem nicht zum Akustiker gehen. Bis zu diesem Punkt ist ein Hörakustiker also alles andere als beliebt. Und dann kommt der große Moment. Hörst du nicht mehr richtig, musst du irgendwann zum Akustiker und dann gibt der dir plötzlich ganz viel von der verlorenen Lebensqualität zurück, denn er lässt dich wieder hören. Und wenn dann das Hörsystem selbst nicht groß und hässlich, sondern winzig klein, unauffällig, gerne auch noch von der Krankenkasse bezahlt wird, dann wird aus Misstrauen, Dankbarkeit und zack, beliebtester Job. Und damit herzlich willkommen zu Hearing Connects, dem Hörakustikpodcast von Fielmann. Hier machen wir keine Werbung, sondern wollen für euch und mit euch in dieser ersten Folge erkunden, was in der Welt der Hörakustik gerade passiert. Egal, wo ihr arbeitet, ob nun bei einem anderen Hörakustiker oder bei uns. Wie sieht das Hören der Zukunft aus? Wie verändert sich das Berufsbild des Akustikers? Wird er in Zukunft noch dieselben Aufgaben haben wie heute oder vielleicht ganz andere? Und ist Apple eine Bedrohung für die Hörakustik? Das klären wir in dieser Folge. Mein Name ist Tobias Plöger, ich bin Head of Communications bei Fielmann und ich freue mich sehr, dass ihr dabei seid. Kommen wir gleich zur ersten Frage. Wie sieht das Hören der Zukunft aus? Um das zu klären, habe ich mir zwei Gästinnen eingeladen. Julia Tamm und Lisa Hofmann von den Fielmann Ventures. Schön, dass ihr da seid. Hallo. Die Fielmann Ventures sind so was wie das Innovations Labor von Fielmann. Und sowohl Lisa als auch Julia bewegt eben genau diese Frage. Wie wird sich die Hörakustik weiterentwickeln? Was werden moderne Hörsysteme vielleicht schon bald können? Wenn man sich mit dem Thema Hörakustik beschäftigt, dann ist es ja manchmal vielleicht gar nicht von Nachteil, wenn man genauer weiß, wovon man da spricht und du, Julia, du hast einen Hörverlust.
Julia [00:02:40] Ja, das stimmt. Von Geburt an habe ich einen einseitigen Hörverlust.
Tobias [00:02:44] Du hörst auf dem Ohr gar nichts mehr, oder?
Julia [00:02:46] Ja, fast gar nichts.
Tobias [00:02:48] Wie wirkt sich das in deinem Berufsalltag aus?
Julia [00:02:52] Tatsächlich habe ich persönlich keine großen Einschränkungen, weil mein Gehirn einfach so daran gewöhnt ist, nur einseitig zu hören, dass ich meinen Alltag total gut meistern kann, auch mit dem Hörverlust.
Lisa [00:03:04] Und wenn ich mich kurz einmischen darf, was mir auffällt ist, dass es mich beeinflusst, weil ich mich häufig jetzt in Gesprächen auf deine linke Seite stelle, weil ich weiß, dass du mich da besser hören kannst.
Tobias [00:03:19] Okay, ihr arbeitet direkt im Team zusammen. Auf eure Rollen würde ich jetzt gerne einmal kurz eingehen. Julia, was ist deine Aufgabe bei den Fielmann Ventures?
Julia [00:03:27] Ich bin strategische Designerin bei Fielmann Ventures und ich habe mich vor allen Dingen darauf spezialisiert zu verstehen, was sind denn eigentlich die Bedürfnisse und Wünsche von unseren Kunden, aber auch Hörakustikern und Augenoptikern und die Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, die wir entwickeln, so zu gestalten, dass sie auch den Kundenwünschen und den Bedürfnissen der Hörakustiker und Augenoptiker entsprechen – und alle motiviert sind, Produkte anzubieten und zu nutzen.
Tobias [00:03:58] Und würdest du sagen, dass dein eigener Hörverlust Grund dafür ist, dass du dir dieses Fokusthema gesucht hast?
Julia [00:04:05] Auf jeden Fall. Ich interessiere mich total für das Thema. Es begleitet mich mein Leben lang und ja, da war das relativ schnell klar, dass ich mich gerne auf das Thema Hörakustik fokussieren möchte.
Tobias [00:04:17] Lisa, du bist eigentlich Augenoptikerin, hast dich aber jetzt auch mit Leib und Seele der Höherakustik und den technologischen Trends in der Branche verschrieben. Warum?
Lisa [00:04:27] Julia hat mich angesteckt. Wie gesagt, ich komme aus der Optik, bin auch Ingenieurin für optische Systemtechnik, habe mich jahrelang mit dem Thema beschäftigt und bin über Julia dann zur Hörakustik gekommen, weil sie so begeistert davon spricht und mit jeder Seite, die ich gelesen habe und mit der ich mich damit beschäftigt habe, war ich auch immer begeisterter und bin jetzt, wie du sagst, mit Leib und Seele dafür, dass dieses Thema mehr Sichtbarkeit bekommt.
Tobias [00:04:56] Was genau begeistert dich an der Hörakustik?
Lisa [00:04:59] Dass man noch so viel bewegen kann, dass man noch einen Weg vor sich hat, den man gemeinsam gehen kann, um das Thema sichtbarer zu machen.
Tobias [00:05:07] Also sozusagen die hochmodernen Hörsysteme, die wir jetzt haben, sind trotzdem erst der Anfang.
Lisa [00:05:12] Das ist das eine, dass da noch viel kommt, aber gerade die Aufmerksamkeit und das Stigma, das mit dem Thema verbunden ist, das noch aufzubrechen und das Hören cool zu machen.
Tobias [00:05:24] Dann kommen wir jetzt zu deiner Aufgabe. Was machst du genau?
Lisa [00:05:27] Meine Rolle nennt sich Technical Analyst, das hat angefangen damit, dass ich mir vor allem technische Produkte und Ideen angeschaut habe und bewertet habe, was daran gut ist und was vielleicht noch fehlt, damit es gut ist, zu uns passt und ob das was fehlt, umsetzbar ist. Inzwischen mache ich aber viel mehr, schaue mir auch neue Ideen und Services an, gerade im Bereich Hören denke ich inzwischen größer und über den gesamten Lebenszyklus eine Idee von Wir haben sie bis hin zu, wie kriegen wir das dann auch in unsere Niederlassungen?
Tobias [00:06:04] Über das Hören der Zukunft reden wir gleich. Erklärt mir bitte einmal kurz vorher, damit es auch wirklich jeder versteht, was genau sind die Fielmann Ventures?
Julia [00:06:13] Ja, die Fielmann Ventures sind die Innovations- und Investmenteinheit von Fielmann. Wir sind 14 Leute in unserem Team, ganz divers, sind BWLer, Physiker, Designer, Optiker. Da kommt ganz viel Expertise zusammen und wir arbeiten dann gemeinsam an unseren Projekten. Unsere Aufgabe ist es, dass wir nach Trends suchen, die Märkte beobachten zu unseren Fokusthemen und daraus dann Ableitungen für Fielmann treffen, Strategien entwickeln. Und neue Geschäftsmodelle entwickeln.
Tobias [00:06:44] Innovation ist euer Thema, und da tauchen wir jetzt mal ein bisschen tiefer ein. Dabei gab es, glaube ich, eine echte Veränderung in der Hörakustik vor ungefähr einem Jahr. Da brachte Apple seine neuen AirPods Pro 2 auf den Markt. Und zum ersten Mal hatten Kopfhörer Funktionen, die vorher nur moderne Hörsysteme hatten. Einen eingebauten Hörtest beispielsweise oder eine Störgeräuschunterdrückung. Habt ihr selbst auch solche AirPods?
Lisa [00:07:10] Ja.
Julia [00:07:10] Ja.
Tobias [00:07:12] Hier haben wir also erstmal jetzt Funktionen aus der Hörakustik, die nicht von Hör-Akustikern verkauft werden, sondern ganz einfach im Laden. Wie sind eure Erfahrungen mit den AirPods?
Julia [00:07:21] Also ich kann ja nur für mich sprechen. Ich habe grundsätzlich gute Erfahrungen mit den Airpods, sonst würde ich sie selbst ja auch nicht tragen und nutzen. Es ist total toll, dass man jetzt seinen Hören unterstützen kann, auch mit diesem Hörtest. Das hat super Aufmerksamkeit auch auf das Thema geworfen, dass jetzt auf einmal alle Airpod-Pro-Nutzer einen Hörtest bekommen haben. Grundsätzlich sind das aber Geräte, die ich jetzt persönlich nicht den ganzen Tag tragen kann. Also nach zwei bis drei Stunden setze ich die dann auch wieder ab und nehme sie raus. Sie sind gut, haben eine super Soundqualität, unterstützen im Hören, aber sind jetzt kein Produkt, was ich den ganzen Tag tragen möchte.
Tobias [00:07:57] Aber es gibt trotzdem ja auch Menschen in der Hörakustik, die sagen, das ist im Grunde der Anfang vom Ende der Hörakustik, weil vielleicht dann irgendwann Apple die Expertise hat, moderne Hörgeräte, Hörsysteme abzulösen. Wie siehst du das?
Lisa [00:08:10] Ich glaube, dass das noch ein langer Weg ist. Also jetzt gerade verstehe ich es eher als Chance. Das heißt, Apple ist gut da drin, Awareness zu schaffen für Themen und das schaffen sie jetzt auch im Bereich des Hörens. Und da sind sie noch eine Chance. Das heißt zur Zeit richten sich die Systeme an Menschen mit einem leichten Hörbedarf und da sind Sie richtig gut, bis sie es schaffen, dann auch die höheren Hörbedürfe zu decken. Das wird noch dauern. Deswegen, ich würde das erstmal sehr positiv sehen, dass so ein großes Unternehmen da so einen großen Fokus auf das Thema hören.
Tobias [00:08:48] Und was können Hörsysteme, was jetzt zum Beispiel ein Airpod noch nicht kann?
Lisa [00:08:54] Zum einen kann man sie viel, viel besser einstellen, d.h. viel individueller auf den individuellen Hörbedarf des Kundenpatienten einstellen. Und zum anderen wissen wir, wenn jemand ein Hörsystem trägt, der hat einen Hörverlust. Wenn ich jetzt ...
Tobias [00:09:11] Aber das wollen die meisten ja gar nicht.
Lisa [00:09:13] Ja, das stimmt, aber jetzt denk mal drüber nach, wenn du einen Airpod trägst und hast den drin und unterhältst dich mit jemandem, empfindest du es dann nicht als unfreundlich, dass der den drin behält?
Tobias [00:09:22] Ja, könnte sein, dass man dann in dem Moment möglicherweise denkt, der hört mir gar nicht richtig zu und hört nebenbei Musik.
Lisa [00:09:28] Musik, ne?
Tobias [00:09:29] Ist das so?
Lisa [00:09:29] Schon, also wir haben sogar einen Fall, da haben wir mit jemandem gesprochen und die hatte ein Hörsystem, kein Airpod, ein klassisches Hörsystem, aber in Form eines Kopfhörers und war bei einem Gespräch in der Schule ihrer Kinder und wurde aktiv aufgefordert, doch bitte endlich die Kopfhörer rauszunehmen.
Tobias [00:09:46] Das ist interessant.
Lisa [00:09:48] Also man sieht, dass es da auch noch ein Weg ist, weil es wissen nicht alle, dass man damit das Hören verbessern kann. Das heißt, man hat dann doch wieder ein Stigma, weil man dann auf einmal ein System trägt und alle denken, du hörst Musik und hörst gar nicht zu.
Tobias [00:10:01] Okay, also noch ist der AirPod keine Bedrohung, sondern eher ein Anschub, Julia?
Julia [00:10:06] Ja, auf jeden Fall. Und andere Unternehmen haben es auch schon erkannt, dass es vielleicht nicht ganz so gut ist, den ganzen Tag Kopfhörer zu tragen und dass auch die Außenwahrnehmung von anderen eben die ist, dass das vielleicht unhöflich ist zu tragen. Deswegen gibt es auch andere Bestrebungen von anderen Unternehmen, die zum Beispiel die Hörfunktion in die Brille integrieren, was wir als Firma natürlich total spannend finden, die Kombination aus Hörgerät und Brille.
Tobias [00:10:33] Da sind wir gleich beim nächsten Thema, ne? Also das ist ja auch einer dieser ganz neuen Trends. Nuance Audio meinst du, glaube ich. Kannst du das ein bisschen genauer erklären?
Julia [00:10:42] Ja, also das Prinzip ist, dass ich die Hörfunktion integriert habe in die Brille und das Prinzip ist, das ich in eine Richtung schaue und genau in die Richtung, in die ich schaute, die Geräusche werden verstärkt und alles andere wird unterdrückt. Und ich kann nicht meine Frequenzen einzeln einstellen, das ist kein vollwertiges Hörgerät, aber trotzdem hilft es mir, wenn ich einen milden Hörverlust habe oder zum Beispiel Probleme habe, in geräuschvollen Umgebungen, Restaurants oder auf Konferenzen gut zu hören. Wenn ich da Probleme habe, Gesprächen zu folgen, dann hilft mir diese Brille, mich auf das Gespräch zu fokussieren.
Lisa [00:11:17] Und das Gegenüber nimmt dabei gar nicht wahr, dass du eine Hörunterstützung kannst. Anders als jetzt beim AirPod, wo du denkst, der hat ja irgendwas im Ohr und hört mir gar nicht zu. Es ist da komplett unsichtbar.
Tobias [00:11:27] Also das ist jetzt nicht so wie früher dieses Ding, Brille mit angebauten Hörgeräten, sondern das Hörsystem ist im Brillenbügel verbaut?
Julia [00:11:36] Genau. Das kannst du dir genauso vorstellen, das ist unsichtbar im Brillenbügel, natürlich ist der Brillenbügel etwas breiter, aber grundsätzlich sind ja jetzt relativ viele Smart Glasses, die auf den Markt kommen, also intelligente Brillen, die auch Funktionen übernehmen, die mein Telefon übernehmen kann. Ich kann damit telefonieren, ich kann Nachrichten lesen und diese Brillen haben jetzt auch schon das Bestreben, einfach auch das Hören zu unterstützen.
Tobias [00:12:02] Und solche Hörbrillen, wer verkauft die dann? Ist das der Akustiker oder ist es der Optiker?
Julia [00:12:06] Der Optiker. Das Produkt spricht Personen an, die noch nicht bereit sind zum Hörakustiker zu gehen. Und ja, wir können die Brille verglasen und in der Augenoptik verkaufen. Es schlägt natürlich auch die Brücke zur Hörakustik. Wir schaffen dadurch Aufmerksamkeit für die Hörakustik für Personen, die sich noch gar nicht so mit dem Thema Hörakustik beschäftigt haben und sich vielleicht auch noch nicht trauen, in die Hörakustik zu gehen.
Tobias [00:12:31] Aber das bedeutet, wenn ich dich richtig verstehe, auch, dass das Hörsystem im Brillenbügel dann nicht individualisiert angepasst wird.
Julia [00:12:40] Ja, das stimmt. Also die Brille wird nicht individualisiert angepasst, sie hat verschiedene Voreinstellungen. Wenn ich ein Gerät haben möchte, was sich wirklich individuell an meinen Hörverlust anpasst, dann ist das Hörgerät die bessere Wahl.
Tobias [00:12:54] Super spannendes Thema. Ich glaube, das ist ein guter Moment, um einen Blick auf die Arbeit von Hörakustikern zu werfen. Denn wenn sich die Technologien ändern, dann ändern sich ja möglicherweise auch die Aufgaben. Wie wird sich das Berufsbild des Akustikers verändern? Kann man das schon so ein bisschen vorhersagen?
Lisa [00:13:12] Es wird deutlich digitaler werden, d.h. viele Services werden wahrscheinlich in eine Online-Welt sich verschieben, z.B. Dass man Hörsysteme auch fernanpassen kann und man sich nicht mehr gegenübersetzen muss.
Tobias [00:13:29] Kommen wir mal vom Akustiker zum Kunden. Wenn jetzt Hörsysteme immer leistungsstärker und im Grunde auch, was Technologie angeht komplexer werden, braucht natürlich auch der Kunde eine ganz andere Technologiekompetenz. Ich denke da jetzt gerade mal meine eigene Mutter, die ist 83, die ist gesund, hört einfach schlecht und ich weiß ganz genau, wenn es zu friemelig wird am Gerät, dann kriegt sie echte Probleme. Was könnt ihr dafür tun, damit dann mehr Technologie im Gerät nicht auch abschreckend sein kann?
Lisa [00:13:59] Die werden ja immer noch begleitet von den Hörakustikern. Man kann das sogar als Schank sehen, dass man gar nicht mehr an seinem Gerät friemeln muss, sondern wie eine Art Fernbedienung sein Smartphone benutzen kann. Und wir haben auch gelernt, dass Angehörige eine ganz große Rolle spielen. Das heißt, dass die dabei gut unterstützen können, sollte es zu Schwierigkeiten kommen mit dem Smartphone, dass die dabei sind und das dann für ihre Lieben machen.
Tobias [00:14:26] Aber was ich mir vorstellen könnte, wäre, dass besonders lebenserfahrene Menschen jetzt vielleicht gar keine Lust haben, auch auf ein Smartphone rumzutippen, sondern sich im Grunde eher Geräte wünschen würden, die alles von alleine erkennen und regeln für sie. Gibt's sowas auch?
Julia [00:14:41] Auf jeden Fall. Es gibt es heute schon, dass die Geräte sich selbst einstellen und auch erkennen, in welcher Hörsituation du bist und dann entsprechend die Einstellungen vornehmen und das wird in Zukunft noch viel, viel besser werden und noch viel breiter vertreten sein in den Hörgeräten und Hörsystemen.
Tobias [00:14:59] Kommen wir mal vom Kunden zum Akustiker selbst. Der hat ja jetzt schon einen sehr vielseitigen Beruf. Er ist Audio-Techniker, Handwerker, Experte für gutes Hören, ist gleichzeitig auch Vertrauensperson, weil er sich ja auch um ein sehr sensibles, diskretes Thema seiner Kunden kümmert. Wird der Hörakustiker durch diese technologischen Veränderungen jetzt mehr zu einer Art Technik-Nerd, der, ich sag mal überspitzt, schon einen Doktortitel braucht? Weil die Technik, die er verkauft, zu komplex ist?
Lisa [00:15:31] Ja, ich würde überspitzt sagen, er ist der Technik-Nerd. Das heißt, viele Akustiker oder alle Akustiker haben jetzt schon sehr viel mit Technik zu tun und alle Personen, mit denen wir gesprochen haben, fanden die Veränderungen, die kommen werden, gut und haben sich eher darauf gefreut. Und es kommt nicht so viel Neues dazu, was der Akustiker nicht schon kennt.
Tobias [00:15:55] Okay, es ist also kein Problem bei zunehmender technischer Innovation, trotzdem diesen absoluten Fokus auf den Kunden zu legen, der vielleicht auch ein bisschen Angst davor hat vor der Technik.
Lisa [00:16:06] Nee, das würde ich genauso bestätigen, dass da keine Angst beim Hörakustiker da ist. Es kann sogar eine Chance sein, den Kunden noch mal vielleicht zu Hause abzuholen, in einer persönlicheren Situation abzulegen und es dadurch noch persönlicher zu machen. Genauso ist es die Chance für den Akustiker am Ende, dass wir vielleicht auch für ihn neue Möglichkeiten schaffen, dass er oder sie von zu Hause ausarbeiten kann - wenn man jetzt alles in die, nicht alles, aber vieles in die Online-Welt.
Tobias [00:16:41] Wie soll das funktionieren?
Lisa [00:16:42] Wenn man sich jetzt vorstellt, dass wir uns das Thema Fernanpassung von Hörsystemen anschauen, das heißt, dass der Kunde nicht mehr in den Laden kommen muss, um sein Hörsystem fein angepasst zu bekommen, sondern dass das über das Telefon funktioniert, wo die Hörsysteme an das Telefon gekoppelt werden von dem Kunden und der Hörakustiker sitzt nicht mehr daneben, sondern irgendwo, entweder im Laden oder zu Hause. Und kann von da die Hörsysteme des Kunden einstellen.
Tobias [00:17:16] Glaubst du, dass Kunden das wollen, weil das natürlich auch ein bisschen mehr Distanz schafft zwischen dem Akustiker und dem Kunden selbst.
Lisa [00:17:24] Also ich denke, dass ein Kennenlernen auf persönlicher Basis Grundvoraussetzung ist, dass man es dann aber gut verschieben kann. Es ist immer noch ein Videotelefonat. Das heißt, die Personen sehen sich, sie hören sich. Und wir haben da sehr positives Feedback bekommen, dass die Kunden sich das sogar wünschen, weil sie müssen nicht einen Tag Urlaub nehmen, um in die Niederlassung oder in den Laden zu kommen, um ihr Hörsystem einstellen lassen zu können, sondern sie können es gegebenenfalls in ihrer Mittagspause von der Arbeit machen. Oder ein Angehöriger muss seine Mutter nicht in den Laden fahren und dafür frei nehmen, sondern kann sie dabei unterstützen, das von zu Hause auszumachen. Du hast die Situation, dass wenn du ein Hörsystem für eine ganz bestimmte Situation einstellen lassen möchtest? Dann kannst du dich in der Situation befinden und dann sogar vielleicht noch besser bewerten, ob das, was da jetzt gerade eingestellt wurde, für dich gut ist oder nicht.
Tobias [00:18:23] Ja, das ist ein guter Hinweis. Diese Veränderungen, wie zum Beispiel Remote Fitting, was du gerade angesprochen hast, sind das eigentlich Veränderungen, denen die Krankenkassen zustimmen müssen, oder ist das eine interne Veränderungsveränderung der Hörakustik, bei der sie frei handeln kann?
Lisa [00:18:39] Ja, es ist eine komplexe Frage. Also wir haben schon die Vorschriften, dass das Hörsystem einmal in der Offline-Welt im Laden auf jeden Fall eingestellt werden muss. Das ist auch absolut richtig, dass man einmal die Personen sich kennengelernt haben, dass man das Hör-System ganz individualisiert auf die Person einstellt. Für die Feinanpassungen, die dann in den Folgeterminen stattfinden. Die müssen nicht mehr vor Ort sein.
Julia [00:19:11] Das hängt natürlich auch von dem jeweiligen Markt ab, in dem wir uns befinden. Wir sind ja bei vielen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Märkten und die haben auch wieder andere Regeln. Es gibt Märkte, in denen das total erlaubt ist, dass ich einfach online mein Hörgerät kaufe und das fern anpassen lasse und trotzdem die Krankenkassenerstattung bekomme. Es gibt Märke, in denen die Krankenkasse sowieso nichts dazu zahlt und da sind dann natürlich solche Online- und Fernanpassungsmodelle prädestiniert dafür, auch günstig Hörgeräte anzubieten und einen günstigen und direkten Zugang zu Hörgeräten zu schaffen.
Tobias [00:19:47] Du sprachst gerade andere Märkte an, die beobachtet ihr natürlich auch. Also ihr schaut doch ins Ausland. Gibt es denn da irgendwelche weiteren Entwicklungen, die für uns spannend sind?
Lisa [00:19:57] Ja, wir haben uns letztens zum Beispiel den UK-Markt angeschaut und da passieren gerade ganz spannende Sachen. Da bekommt der Akustiker gerade deutlich mehr Kompetenzen. Das heißt, er darf zum Beispiel einen Hörtest machen und eine digitale Otoskopie. Und dann werden diese Ergebnisse zum Ohrenarzt geschickt, digital, remote, Telemedizin und ... Dann wird anhand der Daten, die der Akustiker aufgenommen hat, die Diagnose Hörverlust gestellt, wodurch der Kunde oder Patient nicht mehr diesen Weg hat, ich bin bei meinem Hörakustiker, ich gehe zum Arzt, der befundet mich und ich gehe wieder zurück zum Hörakustiker. Sondern der bleibt bei seinem Hörakustiker und alles andere passiert im Hintergrund.
Tobias [00:20:45] Also eine viel größere Kooperation zwischen Ärzten und Akustikern?
Lisa [00:20:49] Ja, genau. Und die weiteren Kompetenzen sind zum Beispiel, dass da der Akustiker auch zu Ruhm entfernen kann, wodurch dann auch wieder ein Weg zum Arzt gespart wird. Das heißt, für den Kunden oder Patienten ist der gesamte Weg zum Hörsystem deutlich vereinfacht worden, weil dem Hörakustiker gesundheitsmedizinische Kompetenz zugeschrieben wurden. Und das finden wir super spannend.
Tobias [00:21:17] Wenn du sagst super spannend, ist das eine Entwicklung, die du dir auch für den deutschen Markt grundsätzlich wünscht?
Lisa [00:21:22] Ja, doch. Also ich finde das gut, wenn man Kompetenzen erweitert. Und wir wissen ja durch den demografischen Wandel, dass wir immer älter werden und dass gleichzeitig unsere Hörakustik-Kunden aber auch immer jünger werden. Dass da eine große Menge an neuen Kunden auf uns zukommt, die einen Höherbedarf haben. Und das kann wahrscheinlich zukünftig auch gar nicht mehr über den Ohrenarzt alleine gedeckt werden. Warum also nicht jetzt schon darüber nachdenken? Wie die Zukunft aussehen kann.
Tobias [00:21:53] Julia, Stichwort KI in der Hörakustik. Welche Aufgaben kann KI bereits jetzt übernehmen und womit sollten wir vielleicht, ich sage mal in fünf Jahren ungefähr rechnen?
Julia [00:22:03] Also KI ist auf jeden Fall gerade ein richtig großes Thema bei den Hörgeräteherstellern. Eigentlich haben alle modernen Hörgeräte KI schon integriert, um sich selbst anzupassen, an die Hörsituation anzulassen, um kleinere Feinheiten automatisch einstellen zu können. Das wird einfach in den nächsten Jahren noch viel, viel besser werden und noch viel mehr Kunden zufriedenstellen. Wo KI aber auch eine Rolle spielen wird, ist bei der Beratung. Es gibt jetzt schon erste Systeme. Wo ich eine Frage stellen kann oder ein Problem schildern kann. Zum Beispiel, es raschelt immer, wenn meine Haare über das Hörgerät rüberfahren, was kann ich tun? Und da gibt es mittlerweile Chatbot-Stil, dann automatisch eine Antwort generieren. Es gibt aber auch schon Ideen und Entwicklungen, wo dann diese Einstellungen automatisch angepasst werden aufgrund der Frage oder des Problems, was ich geschildert habe.
Tobias [00:22:56] Ich bin jetzt persönlich nicht so ein Fan von Gesprächen mit Chatbots, wobei es manchmal sehr praktisch sein kann. Deswegen nur die Frage, besteht so ein bisschen die Gefahr, dass KI dann, wenn sie auch in der Beratung irgendwann mehr Kompetenzen hat oder schneller auf Antworten zugreifen kann, den Akustiker auch ein Stück weit überflüssig macht?
Julia [00:23:17] Das Ziel ist eher, den Kunden besser und enger betreuen zu können, indem man solche Systeme hat, wo es wirklich 24-7 Unterstützungen gibt. Vor allen Dingen in dieser ersten Phase, wo man sich gerade so für ein Hörgerät entschieden hat, man ist in dieser Testphase, gibt es ganz, ganz viele Fälle von Kunden, die abbrechen, die nicht mit ihrem System zufrieden sind, die sich nicht so richtig dran gewöhnen können an das Hörergerät und hier helfen diese KI-gestützten Systeme, um einfach dich noch wieder zu motivieren, vielleicht doch noch mal eine andere Einstellung anzupassen. Und grundsätzlich unterstützt es das. Du hast immer auch den persönlichen Zugang zum Hörgeräteakustiker, kannst auch immer wieder in den Chat zum Beispiel den Hörergeräteakustiker anschreiben und der kann dann am nächsten Tag sich um dein Anliegen kümmern.
Tobias [00:24:07] Okay, letzte Frage an euch beide. Was wünscht ihr euch für die Hörakustik in den nächsten Jahren? Gibt es da irgendwas neben Innovation und Technologie, was für euch unverzichtbar ist?
Lisa [00:24:17] Ja, ich hoffe, dass die Aufmerksamkeit für das Thema Hören steigt, positiv steigt.
Julia [00:24:23] Und dass es in Zukunft noch viel, viel normaler wird, sich beim Hören unterstützen zu lassen.
Tobias [00:24:29] Okay, ich danke euch beiden ganz doll. Julia Tamm und Lisa Hofmann von den Fielmann Ventures, dem Innovationslabor von Fielmann.
Julia [00:24:36] Danke dir. Danke dir, dass wir hier sein durften.
Tobias [00:24:38] Ihr habt es gehört, es tut sich eine Menge im Bereich der Hörakustik, sowohl was die Technik angeht, als auch was die Services für Kundinnen und Kunden betrifft. Und es gibt noch ganz, ganz viele spannende Themen rund um das Gute Hören, zum Beispiel interessante Menschen, die in der Hörakustik arbeiten. Und solche Menschen stellen wir euch vor. Hearing Connects kommt wieder in zwei Wochen. Und dann werden wir euch hier im Studio mit einigen solcher Menschen bekannt machen. Wenn ihr selbst in der Hörakustik arbeitet oder das Thema spannend findet, dann freuen wir uns über ein Abo, dann verpasst ihr nichts, empfehlt uns gerne weiter an eure Kolleginnen und Kollegen, wenn ihr mögt und wenn wir schon mal euer Ohr haben, möchten wir natürlich auch mehr von euch selbst erfahren. Was war euer Hörmoment? Warum habt ihr euch dazu entschieden, Akustiker zu werden? Und was war euer schönstes oder bewegendstes Erlebnis mit euren Kundinnen und Kunden? Erzählt es uns bitte gerne, wir sind total gespannt drauf. Schreibt uns an podcast@fielmann.com Wir freuen uns über eure Post, eure Anregungen, eure Fragen und natürlich auch eure Geschichten. Ich bin Tobias Plöger. Danke, dass ihr zugehört habt. Bis zum nächsten Mal bei Hearing Connects. Macht's gut.
Station voice [00:25:51] Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal bei Hearing Connects. Ihr wollt gutes Hören möglich machen? Dann kommt in unser Team. Mehr auf career.fielmann.com