#3 Von der Kundin zur Akustikerin: Sarahs Hörverlust und ihr Weg zum Traumjob
Station voice [00:00:01] Willkommen bei Hearing Connects, dem Podcast für Hörakustik von Fielmann.
Tobias [00:00:15] Herzlich willkommen zu eurem Podcast für alle, die sich den wirklich spannenden Beruf des Hörakustikers ausgesucht haben. Mein Name ist Tobias Plöger, ich bin Head of Communications bei Fielmann und ich freue mich, dass ihr mit dabei seid. Hier bei Hearing Connects wollen wir über Karrieren sprechen, über das, was ihr dazu beitragen könnt, um sie auch zu machen. Wir schauen auf technische Neuentwicklungen und wir stellen euch spannende Menschen vor. Menschen, die in der Hörakustik ganz viel erlebt haben und die auch wirklich was zu erzählen haben. Und einer dieser Menschen ist Sarah Barsch. Sarah ist Hörakustikermeisterin und das wäre sie wahrscheinlich nicht geworden, wenn sie nicht selbst plötzlich die Hilfe eines Hörakustikers gebraucht hätte. Grüß dich erstmal, Sarah.
Sarah [00:00:58] Hi.
Tobias [00:00:59] Sarah, nehmen wir mal an, du hättest keine Hörsysteme. Wie gut würdest du mich dann hören?
Sarah [00:01:04] Ich würde hören, dass du was sagst, aber nichts verstehen. Also es wäre kaum möglich, uns zu unterhalten. Jedenfalls nicht aus der Entfernung. Also wenn du ganz dicht an mir dran bist und ich mich sehr konzentriere und du bist eine tiefe Stimme, dann geht das.
Tobias [00:01:17] Naja, ich sitze noch nicht mal zwei Meter von dir entfernt am Tisch.
Sarah [00:01:19] Nein, also dicht nah dran ist direkt am Ohr.
Tobias [00:01:22] Und wie verstehst du mich mit Hörsystem?
Sarah [00:01:24] Normal.
Tobias [00:01:25] Also so kann das Hörsystem deinen Hörverlust erst mal gut ausgleichen?
Sarah [00:01:30] Ja.
Tobias [00:01:30] Okay. Wie hören klingen sollte, sag ich mal, das weißt du ganz genau, denn die ersten 25 Jahre deines Lebens hast du ganz normal gehört. Was ist dann passiert?
Sarah [00:01:41] Bei uns liegt das tatsächlich in der Familie. Also meine Schwester ist hochgradig schwerhörig zur Welt gekommen. Das war die erste, die schwerhörig zur Welt gekommen ist. Alle anderen haben so mit 20 vermutlich... Also, mein Papa hat tatsächlich mit Mitte 20 seine ersten Hörgeräte gekriegt, wie ich jetzt dann auch. Es geht halt bis zu meinem Ur-Urgroßvater zurück, der auch taub war. Und alle von Vatersseite sind schwerhöhrig.
Tobias [00:02:06] Okay, also jetzt rein genetisch ein schlechter werdendes Gehör oder ist irgendwas besonderes passiert?
Sarah [00:02:12] Also bei mir war es damals so, arbeitstechnisch war ich extrem im Stress, gerade einen neuen Job nach der ersten Ausbildung angefangen.
Tobias [00:02:20] Was hast du gemacht?
Sarah [00:02:21] Ich bin Informatikkauffrau gewesen, also habe dann aber eher so im kaufmännischen Bereich gearbeitet, weil bei uns in der Region nicht so Informatikkaufleute gesucht wurden. Da war ich in einem Büro, was sehr laut war und mit wenig Einarbeitung und sehr viel Perfektionismus und das hat dann bei einem Telefonat dazu geführt, dass ich auf einmal nichts mehr gehört habe.
Tobias [00:02:44] Wie muss ich mir das vorstellen? Also den einen Satz hast du noch ganz normal mitbekommen und beim nächsten, was ist da gewesen?
Sarah [00:02:50] Also ich hab noch gehört, aber ich hab nichts mehr verstanden. Ich hab dann gesagt, tut mir leid, ich muss jetzt auflegen. Und dann war es irgendwie total komisch und ich bin dann nach Hause gefahren. Und dadurch, dass ich diese Höreinbrüche von meinem Papa und von meiner Schwester kenne, wusste ich, was es ist, bin dann gleich zum HNO und bin dann eine Woche in der Klinik gewesen.
Tobias [00:03:10] Und was hat er bei dir diagnostiziert, einen klassischen Hörsturz oder was war das?
Sarah [00:03:14] Ja, die haben Hörsturz diagnostiziert, obwohl es nicht so klassisch ist, weil klassisch ist ja eigentlich eine Seite und dann auch relativ viel. Bei mir ging es dann noch ein bisschen zurück, aber nicht ganz, also ich war dann leichtgradig schwerhörig. Auf beiden Ohren sind die Hochtöne weggegangen.
Tobias [00:03:31] Wie hat sich das für dich angefühlt? Hast du Angst gehabt?
Sarah [00:03:34] Für mich war das so, auf der einen Seite, hört sich vielleicht doof an, war es für mich normal, weil das ist wie mit einer Brille, man sieht halt schlechter und kriegt dann eine Brille - war das für mich familiär bedingt genauso. Aber für mich war es halt ätzend, dadurch dass ich auch eine hochgradige Legasthenikerin bin und auf meine Ohren komplett angewiesen bin, weil ich alle Informationen über die Ohren aufnehme und nicht gut über die Augenschrift oder irgendwas aufnehmen kann... war das für mich erstmal so, scheiße, jetzt hast du das eine schon und jetzt kommt das andere noch mit dazu und dann, wie ich so bin, hab dann gesagt, Augen zu und durch, scheiß drauf - Entschuldigung, sagt man nicht... War dann beim HNO-Arzt und hab gesagt, ok, bevor ich jetzt die Verordnung irgendwo in die Ecke schmeiße und nichts mache, gehst du gleich zum Akustiker und nebenan war direkt das nächste Akustikergeschäft, ich hab mich da vorher überhaupt nicht mit beschäftigt und da bin ich dann rein, hab einen Termin gemacht.
Tobias [00:04:34] Und wie konnte der Akustiker dir helfen?
Sarah [00:04:36] Ja, wir haben dann eine ganz normale Hörgeräteanpassung gemacht. Dann habe ich verschiedene Geräte ausprobiert.
Tobias [00:04:42] Du hast das erste System anprobiert und zack war alles wieder gut oder?
Sarah [00:04:47] Nee, ich konnte wieder besser hören, aber es war schon so... Zum Beispiel ein halbes Jahr habe ich gebraucht, um Geschirrklappern zu ertragen. Also ich habe die Geschirrspülmaschine in Zeitlupe eingeräumt, weil das einfach so extrem unangenehm war. Oder ich habe meine ersten Hörgeräte gekriegt und bin nach Hause gefahren und habe echt gedacht, das Auto ist kaputt. Weil ich diese Abrollgeräusche von einer nassen Straße überhaupt nicht mehr so wahrgenommen hatte, obwohl ich zu dem Zeitpunkt drei Monate schlechter gehört habe. Also es war jetzt noch nicht lange her.
Tobias [00:05:19] Aber normalerweise... entschuldige... aber normalerweise geht man deshalb ja genau durch so einen etwas langsameren Prozess der Anpassung, dass man nicht wieder... zack, 150 Prozent übertrieben gesagt aufs Ohr bekommt, sondern so peu à peu sich wieder annähert und nicht eben genau diese Gefühle hat. War das bei dir anders?
Sarah [00:05:36] Ich wollte es so.
Tobias [00:05:37] Ach so?
Sarah [00:05:39] Also dadurch, dass ich das halt schon kannte von meiner Schwester und so weiter, habe ich gesagt, okay, stelle erst mal auf 100 Prozent, ich gucke, wir kommen wieder und dann gucken wir, was wir regeln können. Und ich habe mich eigentlich relativ schnell an die Geräusche gewöhnt und ich fand es auch... zu dem Zeitpunkt habe ich auch immer sehr laute Einstellungen geliebt, also weil ich einfach alles wieder mitgekriegt habe. Also ich bin da, glaube ich, so ein bisschen ein untypischer Kunde, in Anführungsstrichen.
Tobias [00:06:04] Ich finde, wir nehmen uns mal die Zeit, um da ein bisschen tiefer einzutauchen in deine Geschichte. Du hast gerade erzählt, nach diesem ersten Höranbruch hast du Hörsysteme erhalten. Wie hat sich das für dich als Frau gerade Mitte 20 angefühlt, plötzlich ein Hörsystem zu tragen?
Sarah [00:06:19] Da bin ich halt wirklich kein typischer Fall. Für mich war das normal. Also ich hab mich gefreut, wieder zu hören. Und ich hab auch zu meinem Akustiker gesagt, das ist mir scheißgeil... und wenn die so groß und knallrot sind, hauptsache ich hör wieder. Weil das ist mir damals gar nicht so bewusst gewesen, dass das so ein Stigma ist, weil das bei uns in der Familie komplett normal ist.
Tobias [00:06:40] Mh, mh.
Sarah [00:06:41] ...Weil meine Hälfte der Familie trägt Hörgeräte und mein Papa trägt Hörgeräte, seitdem ich auf der Welt bin. Für mich ist das so nichts alte Leute Sachen, sondern das ist so ganz normal. Und das ist mir erst eigentlich...
Tobias [00:06:53] ...Ist ja auch keine alte Leute-Sache, davon mal ganz abgesehen, ne...
Sarah [00:06:58] ...Nein, überhaut nicht. Aber das Bild ist ja im Kopf so. Das finde ich ja furchtbar. Deswegen sitze ich hier ja auch.
Tobias [00:07:00] Werden denn Menschen, also auch selbst wenn du das für dich jetzt nicht so empfunden hast, aber werden Menschen mit Hörsystemen anders angeschaut von der Gesellschaft als Menschen ohne Hörsysteme? Ist das so? Oder ist das eher so die eigene Sorge, die man hat, dass etwas passiert ist?
Sarah [00:07:15] Ich glaube tatsächlich, dass das eher ein Gefühl von einem selber ist. Auch so dieses, ich bin doch nicht behindert oder, ne? Das ist so ein Stigma irgendwie immer noch so in den Köpfen. Weil wenn ich jetzt mal so geguckt habe, den meisten Kunden... und ich trage wirklich auffällige Hörgeräte... meistens bunte Ohrstücke, große Ohr-Stücke, auch meine Hörgeräte sind meistens bunt... den Kunden jetzt im Hörakustik-Alltag, da haben wir ja sogar noch mit Hörgeräten zu tun gehabt, denen ist manchmal erst im zweiten oder dritten Termin aufgefallen, dass ich Hörgräte trage. Weil man guckt den Leuten ins Gesicht, nicht in die Ohren. Von daher fällt das eigentlich nicht auf, auch selbst wenn man große Hörgeräte hat. Könnte ich auch noch andere Storys erzählen.
Tobias [00:07:59] Erzähl doch!
Sarah [00:07:59] Zum Beispiel bei meiner Oma war es damals so: die hat mit 50 ihre ersten Hörgeräte gekriegt, das war damals schon früh. Und irgendwann war das Hörergerät... also sie hatte erst nur eins... war das Hörgerät kaputt. Das war so zehn Jahre später und sie war in ihrer Frauensportgruppe und sagte dann: Leute, ihr müsst heute mal ein bisschen lauter mit mir sprechen und mich angucken, sonst verstehe ich euch nicht. - Und die haben alle geguckt und sagten, wieso, Christa, was ist denn dein Problem? Sagt sie, ja, mein Hörgerät ist zur Reparatur und ich hab grad keins und die kennen sie halt schon wirklich über Jahrzehnte und sagen, es ist mir überhaupt nicht aufgefallen, seit wann hast du denn Hörgeräte? Und meine Oma: Ja seit zehn Jahren... Und meine Oma hat auch immer relativ kurze Haare gehabt. Und die Dinger waren damals ja auch nicht schön und groß, aber es ist keinem aufgefallen. Also ich glaube, das ist auch mehr so das Ding von einem selber, als von den Leuten, die es sehen.
Tobias [00:08:56] Also man achtet selber mehr drauf, als das Umfeld.
Sarah [00:08:58] Das ist wie, was man vielleicht auch so kennt, wenn man eine Schwangere in der Familie hat, dann sieht man überall schwangere Leute. Das ist mit Hörgeräten ähnlich. Wenn man sich mit Hörgeräten beschäftigt, dann sieht man bei anderen auch Hörgeräte - wo man vorher überhaupt nicht drauf geachtet hat.
Tobias [00:09:13] Jetzt haben wir schon ein paar Mal darüber gesprochen. Du hattest selbst den Hörbedarf und dadurch bist du zum Berufsfeld Hörakustiker kommen. Das musst du uns jetzt mal erklären. Wie bist du selbst Akustikerin geworden und warum?
Sarah [00:09:26] Ich hatte ja diesen Hörsturz und war in der Probezeit. Ich bin dann leider da auch entlassen worden.
Tobias [00:09:31] In dem alten Job.
Sarah [00:09:32] In dem alten Job. Aber ich wollte auch nicht zurück, von daher war das nicht schlimm. Und war dann wieder auf der Suche nach einem neuen Job, war eigentlich auch noch nicht so lange ausgelernt, wollte eigentlich auch nichts Neues machen und mein Akustiker hat dann immer so bei jedem Termin gesagt, ja guck mal, hier sind ganz viele offene Stellen und Akustiker ist doch ein toller Beruf und dann habe ich gedacht: mach das doch. Und irgendwann habe ich gedacht, eigentlich hast du überhaupt gar keine Lust und dann habe ich gesagt: Okay, wir machen jetzt eine Schicksalsentscheidung. Ich hab im Juli für August zwei Bewerbungen geschrieben und hab gesagt, okay, wenn ich einen Ausbildungsplatz für August oder September kriege, dann mach ich das und wenn nicht, suche ich in meinem alten Job. Ja, und ich hab dann einen Ausbildungsplatz gekriegt und so bin ich dann Akustikerin geworden.
Tobias [00:10:18] Und wenn du jetzt zurückblickst, das war die richtige Wahl, oder?
Sarah [00:10:21] Absolut, absolut. Deswegen bin ich jetzt auch so traurig, dass ich nicht mehr Akustiker im Laden sein darf.
Tobias [00:10:28] Warum darfst du es nicht mehr?
Sarah [00:10:28] Bei mir, wie gesagt... Meine Legasthenie haut halt rein und braucht Konzentration. Inzwischen bin ich mittel- bis hochgradig schwerhörig, also kostet das Hören auch Anstrengung und Konzentration - plus die Arbeit, wo man dann auch sehr konzentriert hören muss und viel schreiben und lesen. Das ist einfach zu viel Anstrengung auf einmal.
Tobias [00:10:55] Also ist es mit deinem Hörverlust noch mal deutlich schlimmer geworden, nachdem du bereits im Beruf des Akustikers gearbeitet hast?
Sarah [00:11:04] Ja.
Tobias [00:11:04] Kannst du sagen, was diese Verschlechterung triggert? Sind das bestimmte Situationen, oder?
Sarah [00:11:09] Ja. Also, es befördert schon Stress. Also, ich habe zum Beispiel... Ich hab ja einen anderthalbjährigen Sohn gehabt, hab nebenbei meinen Meister gemacht in sechs Monaten...
Tobias [00:11:20] Wow.
Sarah [00:11:20] Und hab noch 30 Stunden gearbeitet im Laden.
Tobias [00:11:23] Neigst du vielleicht dazu, dich mal ein bisschen zu überfordern?
Sarah [00:11:26] Ähm, tendenziell.... Das macht dann ja auch Spaß. Also ich hatte die Chance, den Meister bezahlt zu kriegen und hab dann gesagt, okay.
Tobias [00:11:35] Im Gespräch mit deinen Kundinnen und Kunden, die du damals hattest. Wann hast du gemerkt... Mensch, jetzt wird es für mich noch schwieriger, mitzukriegen, was bei denen gerade passiert, was die sagen etc.
Sarah [00:11:46] Also so wirklich aufgefallen ist es mir erst in der Corona-Zeit und da auch eigentlich schmerzhaft dadurch, dass ich dann im Burnout gelandet bin, weil ich hab's komplett ignoriert. Also für mich war das so, ja du hast ja jetzt Hörgeräte drin, was man jedem Kunden sagt, das ist totaler Blödsinn... Du hast jetzt Hörgeräte drin, dann hörst du und kannst ja alles normal weitermachen. Und dann kam halt die Maske mit dazu und dann sieht man das Mundbild nicht mehr, die Sprache verzerrt komplett, klingt anders. Wir haben ja dann zum Ende hin auch überall Maske getragen und das war halt dann zu viel.
Tobias [00:12:24] Vielleicht findest du die Frage jetzt total blöd oder komisch, aber wenn du dir anschaust, was mit deinem Hörsinn passiert ist, bist du auch irgendwie enttäuscht von deinen Ohren? Ich meine, die haben dich ja so ein Stück weit auch im Stich gelassen.
Sarah [00:12:36] Ja, also ich muss sagen, ich war halt im ersten Moment traurig und danach habe ich es eigentlich einfach immer so hingenommen. Also ich sage mir, okay, ich sehe, wie mein Papa und meine Oma hören, die hatten ungefähr den gleichen Verlauf, also weiß ich ungefähr, wo ich landen werde und das wird nicht mehr viel schlechter, als es jetzt ist und selbst wenn, dann gibt es Cochlea-Implantate. Meine Schwester ist implantiert und es ist super. Also, was die an Hörgewinn dadurch hat, ist der Hammer! Von daher finde ich es nicht schlimm und ich finde es eigentlich eher eine Bereicherung, weil man weiß, wie es ist und dadurch kann ich jetzt ein ganz anderes Sprachrohr sein.
Tobias [00:13:22] Auf das Thema Sprachrohr kommen wir gleich noch ein bisschen ausführlicher, denn du hast ein ganz tolles neues Projekt, über das wir reden können. Aber einmal noch zurück zu dieser Phase, in der du selbst als Hörakustikerin gearbeitet hast. Du weißt selbst, wie sich ein Hörverlust anfühlt. Du weißt, wie die Menschen sich fühlen, wenn sie zum ersten Mal vor dir sitzen und von dir beraten worden sind. Hat dir das in irgendeiner Form geholfen? Konntest du anders mit ihnen umgehen?
Sarah [00:13:47] Ja, zum einen, du weißt, wie sich das anfühlt. Zum Beispiel, ich habe das zeitweise, dass sich das anfühlt, als ob meine Trommelfelle vibrieren bei bestimmten Frequenzen. Das versteht ein Hörender nicht.
Tobias [00:14:01] Ja, das stimmt.
Sarah [00:14:03] Aber wenn ein Kunde das beschreibt, weiß ich genau, was er meint. Also, man versteht sich besser und man hat ein anderes Standing. Also wenn ich als selbst Betroffene sage: Passen sie auf, wir machen das jetzt so, wir können das leiser stellen, dann werden sie aber nicht gut verstehen. Oder wir stellen es jetzt so ein, sie haben es so, dass sie es noch ertragen können, aber dass es gerade nicht angenehm ist. Ich verspreche Ihnen, sie tragen die Geräte jetzt eine Woche, jeden Tag mindestens acht Stunden, am besten von morgens bis abends durchgehend. - Wenn es danach nicht besser ist, stellen wir nochmal um. Der Kunde wird das von mir eher akzeptieren, wenn ich dann auch noch sage, ja, das war bei mir auch so und bestimmte Geräusche hören sich am Anfang nicht so schön an. Ich bin jetzt mal diplomatisch. Aber das wird besser und es wird nur besser, wenn man sich dran gewöhnt. Da habe ich dann immer diese Story, was auch Hörende ganz gut verstehen können, ist diese Geschichte, man zieht vom Dorf in eine Stadt an einen Verschiebebahnhof. Man denkt, man kann nie wieder schlafen, es ist alles tierisch laut. Dann wohnt man einen Monat da und hört das überhaupt nicht mehr. Weil das Gehirn sich an die Geräusche gewöhnt hat und die ausblendet. Und so ist es mit dem Hörgerät. Man muss erst mal wieder die Geräusche neu lernen und das Gehirn sortiert die dann zu und sagt, Zeitungsrascheln unwichtig, brauche ich nicht wahrnehmen.
Tobias [00:15:40] Apropos ausblenden, du hast selber einen Dauertinitus.
Sarah [00:15:45] Jein, wenn ich ganz gestresst bin, ja. - Also mein Tinnitus ist so ein Indikator dafür, dass ich jetzt mal wieder kürzer treten muss. Und jetzt höre ich auch auf ihn.
Tobias [00:15:55] Und wie blendest du den aus, wenn du ihn denn hast? Hast du dich dran gewöhnt? Kann man das sagen?
Sarah [00:15:59] Ich habe mich dran gewöhnt, ich drück den weg, also ich kann das gar nicht so beschreiben, das ist wie, wenn du dich in lauter Umgebung... wenn wir uns unterhalten und hier drum herum sind lauter komische Vogelgezwitscher und dies und das... Du konzentrierst dich auf mich und nimmst das andere nicht mehr so wahr. Und so ist das mit dem Tinnitus im Prinzip auch, also man muss sich einfach damit arrangieren. Und tatsächlich, solange ich die Geräte trage, sind so viele Nebengeräusche da. ...Auch wenn man so denkt, hier ist jetzt nichts im Raum, aber es ist ja trotzdem... Die Hände machen Geräusche, die Kleidung macht Geräusche, auch wenn man das bewusst nicht wahrnimmt. Aber das lenkt so stark vom Tinnitus ab, dass ich den überhaupt nicht höre im Moment. Selbst wenn wir uns darüber unterhalten, höre ich ihn gerade nicht und das ist schon echt gut.
Tobias [00:16:45] Also, was ich, als ich mich so ein bisschen auf deinen Besuch vorbereitet habe, gedacht habe, ist: Mensch, wie bitter. Da lernt jemand, der selber einen Hörverlust erleidet, Hörakustik - und kann dann auch den Beruf irgendwann nicht mehr ausüben, weil es einfach noch schlimmer wird. Wie schwierig ist es jetzt für dich, schon wieder neu anfangen zu müssen?
Sarah [00:17:04] Das war am Anfang extrem hart und ich habe es auch mir nicht so richtig eingestehen wollen. Weil es ist so: Akustik ist einfach meine Berufung und ich liebe dieses Metier und ich bin super gerne mit den Kunden umgegangen, ich habe gerne ausgebildet, habe gerne Hörgeräte angepasst, habe es immer gefeiert, mal wieder was Neues auszuprobieren, mich in neue Geräte reinzufuchsen, zu gucken, welches Hörergerät passt zu welchem Kunden. Und wirklich dann immer das Optimum rauszuholen, passend zum Kunden - und das war einfach schön. Und wenn man dann nach einer Reha gesagt bekommt: Ja, also der Verkauf im Laden ist nicht unbedingt das, was sie jetzt noch machen sollten... Da habe ich halt erst mal überlegt: Okay, ich bin halt eher der Typ... ja Augen zu und durch, wie auch mit dem Hörverlust, da muss ich halt irgendwie gucken, was ich mache.
Tobias [00:17:55] Ja, du hast aber jetzt, nachdem du im Beruf des Akustikers nicht mehr arbeiten kannst, tatsächlich einen Weg gefunden, wie du der Branche oder dem Thema Hören treu bleiben kannst. Auf andere Art und Weise. Du hast eine eigene Homepage entwickelt: "Saras Ohr". Erzähl mal.
Sarah [00:18:12] Ja, mir spukt das eigentlich schon seit zehn Jahren im Kopf rum. Ich habe mich immer geärgert, dass es schwierig ist, die passenden Informationen an einem Ort zu finden.
Tobias [00:18:23] Für wen?
Sarah [00:18:24] Für die Betroffenen. Und ich wollte jetzt hiermit eigentlich meine fachliche Expertise mit meinem kreativen Geist ein bisschen verbinden und gute Informationen oder auch Tipps geben, wo man gute Informationen findet, vielleicht auch wie man gute Informationen von schlechten Informationen unterscheidet. Und das ist im Prinzip ein bisschen die Idee von "Saras Ohr". Weil ich einfach einen Safe Space schaffen möchte. Wo zum einen die Schwerhörigen Informationen geballt bekommen, dass sie sich da nicht irgendwie immer was rausklaubern müssen und auch Informationen, die fachlich richtig sind. Weil es ist halt manchmal auch schwierig, im Internet immer richtig von falsch zu unterscheiden. Wenn dir dann irgendjemand sagt, du musst nur Olivenöl ins Ohr träufeln und dann ist dein Gehör wieder toll, ist das eine schöne Nachricht. Stimmt bloß nicht. Also, dass man da vielleicht auch einfach mal ein bisschen... die Leute dahingehend schult, wie das Gehör funktioniert und das auf eine unterhaltsame Weise, dass sie Bullshit von vernünftigen Informationen unterscheiden können.
Tobias [00:19:36] Und kommst du dann nicht auch ganz schnell wieder in eine Art Beratungsfunktion? Nur jetzt eher als Online-Ratgeberin statt als Akustikerin im Studio?
Sarah [00:19:45] Also im Prinzip ja. Also die können mir auch Fragen stellen. Ich habe jetzt auch gerade einen Newsletter seit zwei Monaten draußen. Habe da auch immer so verschiedene Themen aufbereitet von: wie lese ich mein Ton-Audiogramm richtig? Dann habe ich ein GDB-Rechner drauf. Also das heißt, welchen Grad der Behinderung steht mir ungefähr zu, wenn ich eine Schwerhörigkeit habe. Weil viele scheuen sich ja zum Beispiel auch einen Behindertenausweis zu beantragen. Dann bin ich ja behindert! Ist nun mal so. Wir haben halt einen Rucksack auf und können nicht gut hören und deswegen brauchen wir einen Nachteilsausgleich. Aber das ist ja nichts Schlimmes.
Tobias [00:20:26] Nö, ist total legitim.
Sarah [00:20:27] Bloß, das ist ja immer noch mit Stigmata verbunden.
Tobias [00:20:31] Also das ist ja tatsächlich ein Begriff, den offenbar viele immer noch mit dem Hörsystem verbinden. Das Wort Stigma. Dabei wollen wir das gerade aus diesem Bereich, aus dieser Ecke rausholen. Was machen wir da falsch? Was können wir als Gesellschaft vielleicht mehr tun, um eben ein Hörsystem zu was ganz Normalem zu machen?
Sarah [00:20:51] Also das Ding ist ja eigentlich: Wie bewerben wir denn Hörgeräte? "Das unsichtbare Hörgerät." "Man sieht es nicht!" Bloß... Es ist ja nicht die Realität. Klar, mit einem leichtgradigen Hörverlust kriegt man das hin, dass man die nicht sieht. Es gibt auch Bauformen, die man kaum sieht. Aber ist das Sinn und Zweck? Bei einer Brille sagen wir auch nicht, wir sehen es nicht, es ist ein Mode-Accessoire inzwischen. Man trägt sogar eine Brille, wenn man gar keine Sehschwäche hat. Weil es schön aussieht.
Tobias [00:21:20] Na, aber ich glaub jetzt nicht, dass wir Hörsysteme irgendwann soweit haben, oder?
Sarah [00:21:24] Das können wir nicht. Aber ich finde... Die Sichtbarkeit: jeder Fünfte in Deutschland hat einen Hörverlust. Das heißt, es laufen auch viele Leute mit Hörgeräten rum. Die sehen wir bloß alle nicht. Und wenn man einfach mal ein bisschen mehr Statement zeigen würde und einfach offen damit umgeht und sagt: Hier, ich habe Hörgeräte! Das Problem ist auch, man hört ja nicht wieder wie ein junger Gott, wenn man Hörgeräte drin hat. Es ist ein anderes Hören oder manche Sachen gehen halt auch einfach nicht mehr mit dem Gehör, was man hat. Das heißt... keine Ahnung... eine Kollegin ruft aus zwei Zimmern weiter irgendwas und ich krieg das überhaupt nicht mit. Ein Normalhörer hätte das vielleicht mitbekommen und wenn die Kollegin jetzt aber nicht weiß, dass ich nicht vernünftig höre, weil man meine Hörgeräte gar nicht sieht und ich da nicht drüber spreche, dann denkt die vielleicht: Wie unhöflich...
Tobias [00:22:14] Okay, was ich jetzt verstehe ist, du trägst relativ bewusst auffällig deine Hörsysteme. Ganz viele deiner Kundinnen und Kunden haben sich aber genau dagegen entschieden, weil die eben nicht sichtbar machen wollen, dass sie schlecht hören. Verstehst du diese Scham davor?
Sarah [00:22:31] Also ich habe es im Prinzip dadurch gelernt... durch die Rückmeldung. Also ich hatte zeitweise Kundinnen sitzen, die in meinem Alter waren und die geweint haben, weil sie jetzt ein Hörgerät brauchen. Es ist immer noch mit einem Makel behaftet, was ich so schade finde. Und deswegen sollte man halt... Oder ich bin eher so, dass ich sage: ich bin der Vertreter, guckt es euch an, es ist überhaupt nicht schlimm. Wir haben die Technik, man kann so viel machen, dass man es sieht.
Tobias [00:23:03] Aber das ist natürlich dieses Empfinden... Das ist bei jedem Einzelnen anders.
Sarah [00:23:08] Und da muss man, glaube ich, auch viel Aufklärungsarbeit leisten und einfach sagen, es ist kein Makel, sondern ihr kriegt ein Hightech-Gerät. Man kann inzwischen alles mit Hörgeräten machen. Es ist eine Bereicherung und euer Hörverlust wird ausgeglichen. Und das ist doch ein Fund, also es ist ein kleines Technikwunderwerk. Und... dass man da stolz mit umgeht.
Tobias [00:23:34] Du hast recht, das sind alles super gute Argumente dafür. Und trotzdem kriegst du dieses Gefühl, das nicht zu wollen oder auch diese Scham ein Hörsystem zu tragen, die kannst du ja nicht wegreden.
Sarah [00:23:46] Aber man kann es, glaube ich, mit viel Arbeit selbstverständlicher machen und mit den Leuten ehrlich sprechen und vielleicht auch einfach ein bisschen aufklären und sagen, man kann es ja auch unsichtbar machen, aber ist es sinnführend und wirklich in Gespräche zu gehen und zu sagen, warum fällt es dir jetzt so schwer, das nicht stolz zu zeigen?
Tobias [00:24:12] Du hast selber die Erfahrung gemacht, Hörsysteme zu tragen und hast natürlich auch selber deswegen Beratungsgespräche mit deinem Akustiker damals geführt. Was hast du daraus mitgenommen? Was ist für dich wichtig, damit du hinterher sagen kannst, das hier war eine richtig gute Beratung?
Sarah [00:24:29] Ich finde, eine gute Beratung ist Teamwork. Also im Prinzip... ich als Akustikerin bin dafür zuständig, mich gut in der Technik auszukennen. Und ich versuche, meinen Kunden oder auch Betroffenen immer zu vermitteln. Und du bist der Experte für dein Hören, weil jeder Mensch hört anders. Und nur der Kunde kann mir sagen, wie sich das für ihn anfühlt oder anhört. Das kann ich dann als Fachperson in Technik übersetzen. Also es funktioniert immer nur im gegenseitigen Miteinander und nicht: ich stülpe dir jetzt was über und wenn ich in meiner Fachmeinung sage, das ist jetzt notwendig, dann erkläre ich meinem Gegenüber auch genau, warum das jetzt so ist, dass der auch motiviert ist, das umzusetzen, weil es bringt uns beiden nichts gegeneinander zu arbeiten. Der Kunde will wieder gut hören und ich will eine super Arbeit machen. Und das ist eine Win-Win-Situation, wenn das klappt. Und das klappt halt nur im Teamwork und in dem man zuhört.
Tobias [00:25:39] Sarah, ganz herzlichen Dank für deinen Besuch, das war richtig spannend mit dir zu sprechen.
Sarah [00:25:44] Sehr gerne.
Tobias [00:25:45] Und wenn ihr Lust habt, schaut einfach mal im Internet nach, gebt bei eurer Suchmaschine mal "Saras Ohr" ein und dann findet ihr alle weiteren Informationen. Wie ist das bei euch? Wie seid ihr zur Hörakustik gekommen? Habt ihr ähnliche Erlebnisse wie Sarah oder ganz andere? Erzählt es uns, wir freuen uns auf eure Post an: podcast@fielmann.com. Mein Name ist Tobias Plöger, ich wünsche euch eine gute Zeit. Toll, dass ihr dabei wart und wir hören uns. Tschüss.
Sarah [00:26:10] Tschüss.
Station voice [00:26:13] Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal bei Hearing Connects. Ihr wollt gutes Hören möglich machen? Dann kommt in unser Team. Mehr auf career.fielmann.com