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#5: Zwischen Spitzensport und Studioalltag: Von der Hörakustik ins Nationaltrikot der Gehörlosen Handball-Nationalmannschaft

Sönke Petersen ist Hörakustikmeister, Hörakustikleitung bei Fielmann und ehemaliger Nationalspieler der deutschen Gehörlosen-Handballnationalmannschaft. In dieser Folge erzählt er von seinem Weg zwischen Studioalltag und Spitzensport, von internationalem Wettkampf, stiller Kommunikation auf dem Spielfeld und der besonderen Rolle von Fairness und Gemeinschaft im Gehörlosen-Sport. Es geht um Hörverlust, um Teamgeist und um die Frage, warum Erfolg oft weniger mit Medaillen zu tun hat als mit Erfahrungen, Zusammenhalt und Vertrauen.

Hearing Connects. Von Fielmann. / Folge 05

Station Voice [00:00:01] Willkommen bei Hearing Connects, dem Podcast für Hörakustik von Fielmann. 

Tobias [00:00:15] Ein herzliches Willkommen an euch alle. Schön, dass ihr dabei seid. Mein Name ist Tobias Plöger und ich vermute mal, einer der Gründe dafür, dass Ihr zuhört, ist unser heutiger Gast. Bei uns im Studio ist ein echter Sportpromi. Der Mann ist mehrfacher Vize-Europameister, er ist Vize-Weltmeister und auch noch Olympia-Teilnehmer. Und ich freue mich total, dass er hier ist. Sönke Petersen. 

Sönke [00:00:38] Ja, vielen Dank, dass ich hier sein darf. Ich freue mich auch. 

Tobias [00:00:43] Möglicherweise fragt sich jetzt die eine oder der andere von euch, was macht ein Olympia-, WM- und EM-Medaillen-Gewinner bei einem Podcast für Hörakustik? Klär uns mal auf, Sönke. 

Sönke [00:00:54] Das mache ich gerne. Ich bin Nationalspieler der Gehörlosen-Nationalmannschaft im Handball. 

Tobias [00:01:00] Wobei, so ganz gehörlos bist du nicht. Was muss man für Bedingungen erfüllen, um in der Gehörlosen-Nationalmannschaft mitspielen zu dürfen? 

Sönke [00:01:07] Richtig, ich bin hochgradig schwerhörig, das bin ich von Geburt an und ich bin so schwerhörig, dass es im Sportbereich als gehörlos gilt bzw. ich erfülle die Anforderungen, die wie folgt sein müssen: Auf dem besser hörenden Ohr darf ich nicht mehr als 55 Dezibel hören. 

Tobias [00:01:29] Wie nimmst du deinen Hörverlust im Alltag wahr? 

Sönke [00:01:34] Kaum. Also, es gibt sicherlich bestimmte Herausforderungen, die dann doch schon schwierig sind, aber da ich von Geburt an schwerhörig bin, habe ich das sehr gut gelernt und kann das sehr gut kompensieren, auch aufgrund meiner Hörhilfen, die ich schon ein Leben lang trage. 

Tobias [00:01:48] Was trägst du für Hörsysteme? 

Sönke [00:01:50] Ich trage hinter dem Ohr Hörgeräte aktuell. 

Tobias [00:01:53] Erinnerst du dich noch daran, wie dir dein erstes Hörsystem angepasst wurde, wie alt warst du, was hast du empfunden? 

Sönke [00:02:00] Nee, daran kann ich mich tatsächlich nicht erinnern, das war im Alter von zwei Jahren. Da habe ich meine ersten Hörsysteme bekommen. Also mein Papa ist selbst hochgradig schwerhörig gewesen, von dem habe ich es vererbt und meinen Eltern istamals, das hatten sie mir erzählt, aufgefallen, dass ich auf bestimmte Zurufe nicht reagiert habe. Und dort war die Technik noch nicht so fortgeschritten, wie es heute ist, was das Hörscreening bei Neugeborenen angeht. Aber dann sind wir relativ schnell doch zu Spezialisten gefahren, die sich dann mein Gehör doch angeschaut haben. Und dann wurde festgestellt, dass ich einen Hörbedarf habe. Ja, und dann habe ich Hörsysteme bekommen, wo ich jetzt natürlich mal in den Unterlagen geguckt habe, was das war, welche Hörsysteme... Aber daran erinnern kann ich mich nicht. 

Tobias [00:02:44] Du musst uns unbedingt gleich erzählen, wie eine Mannschaft von Gehörlosen reagiert, wenn der Schiedsrichter ein Foul pfeift. Vorher möchte ich aber mit dir über den Namen eures Teams sprechen. Wie nennt ihr euch? 

Sönke [00:02:55] Wir nennen uns die Deaf Boys. „Deaf“ ist die englische Bezeichnung für gehörlos. Und wir haben das in Anlehnung damals der hörenden Nationalmannschaft gemacht. Die haben sich die Bad Boys genannt und waren damit sehr erfolgreich. 2016 wurden sie Europameister. Und dann haben wir das davon abgekupfert. 

Tobias [00:03:13] Ja, also die Deaf Boys, die tauben Jungs. Wie bist du damals Mitglied geworden? 

Tobias [00:03:18] Meine Mutter ist auf einen Artikel in der Handballzeitschrift aufmerksam geworden. Ich habe tatsächlich aktiv selbst dann den Kontakt gesucht und wurde dann gesichtet beim Spiel in meinem Verein und wurde zu einem Lehrgang eingeladen, wo ich dann mal vorspielen durfte. Und dann wurde ich eingeladen für die weiteren Lehrgänge und auch dann zu den Turnieren. 

Tobias [00:03:43] Klasse. Du hast es gerade schon kurz angesprochen, du warst damals Teil einer, ich sag mal in Anführungsstrichen, gewöhnlichen Handballmannschaft, bei einem Oberligisten, wenn ich richtig informiert bin. Wie unterscheidet sich für dich das Spiel in einem Team von Normalhörenden und einem Spiel der Gehörlosen-Nationalmannschaft? Was ist da anders? 

Sönke [00:04:01] Da ist nicht viel anders. Nur die Kommunikation. Also das Handballspielen ist identisch, nur die Kommunikation ist halt der große Unterschied. Bestimmte Zurufe, ob es jetzt von dem Trainer taktische Anweisungen gibt oder auch die Anweisungen der Mitspieler: die müssen wir halt anders regeln. Da wir natürlich dann in der Gehörlosen-Nationalmannschaft unsere Hörhilfen nicht tragen dürfen - das ist verboten. 

Tobias [00:04:20] Ah, das wollte ich gerade fragen. Also ihr kommuniziert dann per Zeichensprache, oder? 

Sönke [00:04:25] Genau, Gebärdensprache, Handzeichen oder vorher dann die Ansprachen klar definieren, was die nächsten Auftakthandlungen sind. 

Tobias [00:04:35] Also habt ihr auch Spieler im Team, die gar nichts hören, die also wirklich komplett taub sind? 

Sönke [00:04:40] Genau. Ja, haben wir. Wir haben Spieler, die ein Cochlea-Implantat tragen und wenn sie ihre Hörhilfen rausnehmen, dann sind sie komplett gehörlos. 

Tobias [00:04:48] Und hat dann eigentlich ein Schiedsrichter bei so einem Spiel noch eine Pfeife oder pfeift er gar nicht? 

Sönke [00:04:52] Doch, der hat auch eine Pfeife. Es ist so, dass er auch wie gewöhnlich seine Pfeife benutzt. Einige Mitspieler hören diesen Pfiff dann auch noch ganz, ganz leise und es ist auch oft so, dass man sich dann bestimmte Situationen auch denken kann: okay, das war jetzt ein Freiwurf, man guckt dann vielleicht doch häufiger zum Schiedsrichter. Aber es kann natürlich auch gerne mal sein, dass dieses Signal überhört wird und das dann einfach weitergespielt wird. Aber da ist es tatsächlich so bei den Gehörlosen-Mannschaften - das ist so Fair Play - wenn dann wirklich mal ein Pfiff nicht gehört worden ist und einer rennt dann trotzdem aufs Tor und wirft, dass das dann von den gegnerischen Spielern abgewunken wird und darauf hingewiesen wird, per Handzeichen: pass mal auf, der Schiedsrichter hat gepfiffen.

Tobias [00:05:36] Und da gibt es dann bei den Gegnern auch niemanden, der sozusagen das als Taktik benutzt und Handzeichen gibt. 

Sönke [00:05:42] Nein, das ist tatsächlich ein ungeschriebenes Gesetz, da halten sich wirklich alle dran und das ist Fair Play und habe ich noch nicht erlebt. 

Tobias [00:05:49] Wie funktioniert das, wenn der Trainer von der Seitenlinie mal ein paar neue Anweisungen hat, eine neue Taktik zum Beispiel? 

Sönke [00:05:54] Das machen wir, ja, entweder wird groß mit den Händen rumgefuchtelt, um Sichtkontakt herzustellen, dass man dann vielleicht mal im nächsten Angriff oder in der nächsten Pause einmal hingeht, um ja, neue Anweisungen zu bekommen. Es wird aber auch viel mit Taktiktafeln gearbeitet, also sprich, visuelle Anweisung gibt es. Ja, oder es wird halt überhört, beziehungsweise kann man das auch absichtlich machen... Das ist eine Geschichte, die ich immer mal erzähle: Ja, wenn man dann mal nicht so gut spielt oder verworfen hat und der Trainer möchte dich auswechseln und sagt dann: Hey Sönke, jetzt nächsten Angriff raus. - Ja, dass man dann einfach mal sagt: Habe ich nicht gehört und man dann einfach noch mal zwei, drei Angriffe weiterspielt... Also kann man sich da auch mal zum Positiven so hindrehen, wie man das da möchte. 

Tobias [00:06:36] Das hast du gemacht? 

Sönke [00:06:36] Das habe ich gerne mal gemacht, ja. 

Tobias [00:06:39] Aber es klingt so, als müsstet ihr als gehörlose Spieler auf dem Platz viel mehr hin und her schauen, euch gegenseitig angucken, um überhaupt sowas wie eine Kommunikation deutlich zu machen. 

Sönke [00:06:50] Auf jeden Fall. Das müssen wir. Ich würde behaupten, dass jeder Gehörlose bzw. schwerhörige Mensch, der schon länger schwerhörig ist, sich das auch aneignet. Also das fängt an, Blickkontakt zu haben zu seinem Gegenüber, dass man auch vielleicht von den Lippen ablesen kann und auch im Straßenverkehr, dass man dann akustische Signale, die jemand nicht hört, dann kompensiert durch häufigeres Umschauen. Wenn ich auf dem Gehweg bin, gucke ich doch immer häufiger, ob dann vielleicht hinter mir ein Fahrradfahrer ist, wo ich dann vielleicht die Fahrradklingel nicht hören würde. Und dasselbe ist natürlich auf dem Handballspielfeld. Also da muss ich natürlich auch häufiger gucken: Ist da jetzt mein Gegenspieler oder habe ich den Zuruf von meinem Mitspieler nicht gehört? Das heißt, ich muss dann viel häufiger, ja, meinen Hörbedarf kompensieren, indem ich das halt visuell dann ausgleiche. 

Tobias [00:07:36] Also ein ganz wichtiger Teil jeder Sportart ist ja auch das Publikum. Also die Zuschauer, die zuschauen und ein Team so richtig nach vorne treiben, im Zweifelsfall mit Trommeln, mit Klatschen, mit Gebrüll. Davon kriegt ihr aber gar nicht so richtig viel mit, oder? 

Sönke [00:07:50] Davon bekommen wir wenig mit, bis gar nichts. Wir bekommen aber viel mit durch schwingende Fahnen und der Applaus im Gehörlosen-Bereich ist ja, wenn man beide Hände hochnimmt und dann mit den Händen winkt. Das ist quasi der Applaus im Gehörlosen-Bereich und den nehmen wir dann natürlich schon wahr, also das ist natürlich dann das, was man visuell wahrnimmt. 

Tobias [00:08:14] Vor wie vielen Zuschauern spielt ihr dann bei so einem normalen Spiel, bei einer Weltmeisterschaft zum Beispiel? 

Sönke [00:08:21] Das ist komplett unterschiedlich. Wir spielen wirklich mal vor komplett leerer Halle, wo dann wirklich nur ein paar Angehörige sitzen. Wir spielen aber auch vor ausverkauftem Haus. Das heißt, da sind dann in großen Hallen schon zwei- bis dreitausend Zuschauer, die da ordentlich Alarm machen. 

Tobias [00:08:36] Und gibt es dann noch mal so einen extra Kick, wenn der Laden voll ist?

Sönke [00:08:40] Ja, definitiv. Das ist ja gerade für uns Amateursportler kein Alltag, wie das die Profis kennen. Und das ist dann schon sehr aufregend. Und es gab schon einige Gänsehautmomente, wenn man wirklich vor voller Hütte spielt. 

Tobias [00:08:52] Werfen wir mal einen Blick auf deine elf Jahre im Nationalteam. Dreimal warst du bei den sogenannten Deaflympics, den olympischen Spielen der Gehörlosen. Das sind aber nicht die Paralympics, warum nicht? 

Sönke [00:09:02] Ne, das sind nicht die Paralympics. Die Deaflympics sind speziell wirklich nur für gehörlose Sportler. Die Frage habe ich mir tatsächlich auch damals gestellt. Es hängt damit zusammen, die Deaflympics haben eine ältere Geschichte. Die gab es tatsächlich schon vor den Paralympics. Zudem ist es auch noch eine größere organisatorische Herausforderung bei den Deaflympics. Wir benötigen dort einfach viel mehr Organisation, mehr Dolmetscher werden dort benötigt. Und die Gehörlosen-Szene möchte doch tatsächlich den Fokus auf den Gehörlosen-Sport einfach noch mehr haben und dann nicht einfach nur ein Teil von anderen Olympischen Spielen sein. 

Tobias [00:09:40] Das war jetzt tatsächlich auch gerade eine Frage, die ich hatte: Wie unterhaltet ihr als gehörlose Spieler euch zum Beispiel mit jemandem aus Italien oder aus Frankreich oder woher auch immer? Gibt es eine internationale Gebärdensprache? 

Sönke [00:09:55] Die gibt es, genau. Das ist das Schöne bei solchen Veranstaltungen, dass man, wenn man die Gebärdensprache beherrscht, mit der internationalen Gebärdensprache wirklich mit allen Teilnehmern sich unterhalten kann. Und selbst wenn man die internationale Gebärdensprache nicht beherrscht, kann man wirklich doch schon viel mit Händen und Füßen mit allen Ländern, mit allen Sportlern kommunizieren. Und da gibt es dann diese Sprachbarriere nicht. 

Tobias [00:10:20] Was für Wettbewerbe gibt es bei den Deaflympics? 

Sönke [00:10:22] Es gibt, fast wie beim Normalhörenden-Sport, fast alle Wettbewerbe: Also, es gibt die Ballsportarten wie Handball, Fußball, Volleyball, Beachvolleyball und es gibt Schwimmen, Leichtathletik, Fahrradfahren, also jede Menge. 

Tobias [00:10:38] Und sind das auch quasi dieselben Länder, die an solchen Wettbewerben teilnehmen? Oder gibt es welche, die gerade zu solchen Wettbewerben eben auch niemanden schicken? 

Sönke [00:10:47] Gibt es auch, ja. Und man merkt halt auch, dass es bestimmte Länder gibt, die eine größere Anzahl von Sportlern zu diesen Wettbewerben schicken, weil die dort einfach eine viel, viel größere Unterstützung von den jeweiligen Ländern erhalten. Und da sieht man, dass einige Länder deutlich besser vertreten sind als andere Länder, wo das gar keinen Stellenwert hat. 

Tobias [00:11:09] Ja, wo hat es einen hohen Stellenwert? Wo liegen wir in Deutschland da? 

Sönke [00:11:14] Mittelmaß. Unteres Mittelmaß würde ich sagen, was die Förderung und Unterstützung angeht. Und andere Länder, gerade die Länder im Osten, früher die Russen, die Ukrainer, bei den Türken, sind immer sehr viele Sportler da vertreten. 

Tobias [00:11:30] Mach‘ das doch mal fest: Was machen die denn anders als wir in der Sportförderung? 

Sönke [00:11:34] Die unterstützen ihre Sportler viel mehr. Zum einen im finanziellen Bereich, dass sie wirklich finanzielle Anreize bekommen, was die Prämien angeht. Um Beispiele zu nennen: Kroatien, die unsere Gegner im Finale waren, dort erhält jeder Spieler über 42.000 Euro für den Gewinn der Goldmedaille. Es gibt andere Nationen, die erhalten lebenslange Rente für den Sieg der Goldmedaille und dann gibt es Trainer, die als Ansporn bekommen, ein Haus mit Grundstück zu bekommen. 

Tobias [00:12:07] Ehrlich?

Sönke [00:12:09] Ja, das ist schon wirklich Wahnsinn. 

Tobias [00:12:10] Da muss ich aber ganz kurz fragen, was kriegt ihr denn? 

Sönke [00:12:12] Wir kriegen einen Handschlag vom Bundespräsidenten beim Gewinnen einer Medaille. Wir werden eingeladen nach Berlin und bekommen das silberne Lorbeerblatt. 

Tobias [00:12:24] Okay. Und wie ist es bei der Förderung des Sportes? Machen wir da auch weniger als andere? 

Sönke [00:12:31] Ja, deutlich weniger. Es ist teilweise so, dass wir für solche Veranstaltungen noch Geld on Top bezahlen müssen, wir Sportler. Also nicht, dass hier nicht nur gefördert wird, sondern wir müssen tatsächlich noch einen Eigenanteil dazu beitragen, um überhaupt bei Trainingslagern oder auch Wettbewerben teilzunehmen. 

Tobias [00:12:50] Das ist aber wirklich ein großer Unterschied. Da können wir uns ja wirklich noch eine Scheibe abschneiden von den anderen Ländern, die das offenbar besser machen als wir. 

Sönke [00:12:57] Eine sehr große Scheibe sogar. Das ist ein großer Unterschied. 

Tobias [00:13:00] Wie lebt ihr denn eigentlich als Sportler bei diesen Deaflympics? Habt ihr auch sowas wie so ein olympisches Dorf, wo alle gehörlosen Sportler, egal woher sie kommen, zusammenleben? 

Sönke [00:13:10] Es gibt ein olympisches Dorf, aber es ist nicht so, wie man das kennt aus den Medien ein großes Dorf. Alle Sportler sind dort untergebracht. Es ist so... Ich kann jetzt von den letzten Olympischen Spielen in Tokio berichten: wir sind mit der kompletten deutschen Delegation in einem einzelnen Hotel gewesen, was wir dann komplett für uns hatten. Mit Betreuern, Trainern, Organisatoren und Sportlern sind wir dann auch schon knapp 200 Leute, die dort untergebracht sind. Und es gibt trotzdem ein olympisches Dorf, wo eine Begegnungsstätte ist, wo sich dann alle Sportler aus der ganzen Welt treffen. 

Tobias [00:13:44] Durch die verschiedenen Spitzen-Events wie Europa- und Weltmeisterschaften oder der Deaflympics bist du ganz schön rumgekommen auf der Welt. Wo warst du überall? 

Sönke [00:13:51] Ich war zuletzt in Japan, in Tokio, ich war in Brasilien schon, in der Türkei, am Schwarzen Meer und im europäischen Raum in Dänemark, Frankreich. Das sind so die großen Länder, die ich besucht habe. 

Tobias [00:14:06] Wir sprechen gleich noch über deine größten sportlichen Erfolge und ganz besondere Momente in dieser Zeit als Nationalmannschaftsspieler. Vorher müssen wir aber eins vielleicht noch mal deutlicher machen. Du hast es gerade schon angedeutet. Viele von euch sind Amateure, keine Vollzeitprofis. Das heißt, ihr alle habt auch einen Job, mit dem ihr Geld verdienen müsst. Und auch bei deinem Job spielt dein Gehör eine Rolle. Was hast du dir ausgesucht? 

Sönke [00:14:29] Ich bin Hörakustikmeister. 

Tobias [00:14:31] Warum hast du dich für den Job entschieden? 

Sönke [00:14:32] Ich habe mich für den Job entschieden, weil ich selbst betroffen bin und mein Gehör nicht mehr so funktioniert wie das eines Normalhörenden - und weil ich das einfach unfassbar spannend finde: was passiert eigentlich mit meinen Ohren und warum funktioniert das bei meinen Ohren nicht so wie bei den anderen, die gut hören können? Und wie das der Zufall wollte damals, hatte in Kiel Fielmann eine Neueröffnung geplant und wo sie dann auch die Hörakustik mit integriert haben. Und dann stand ich vor dem Scheideweg, mich dann zu entscheiden: Mensch, steigst du da ein und machst eine Ausbildung zum Hörakustiker oder gehst du den alten Weg weiter? Und das war auch gerade die Zeit, wo ich angefangen hatte, aufgrund der Karriere bei der Nationalmannschaft der Gehörlosen, mich mit der Gebärdensprache auseinanderzusetzen. Und da hatte ich natürlich schon viel Kontakt mit gehörlosen und schwerhörigen Menschen. Und das Ganze hat mich dann einfach nochmal bestätigt, etwas Neues auszuprobieren. Und durch meine eigene Vorgeschichte war das dann mein Wunsch, anderen Leuten auch das Hören wieder zu ermöglichen. 

Tobias [00:15:39] Wie hat dein eigener Hörverlust deine Sicht auf das gute Hören verändert, mal ganz unabhängig vom Beruf? 

Sönke [00:15:45] Also ich bin ja von Geburt an schwerhörig und ich kenne es nicht, normal gut zu hören. Ich hatte immer Hörsysteme und ich bin einfach unfassbar dankbar, dass ich einfach aufgrund der Hörhilfe trotzdem eine Normalhörenden-Schule besuchen konnte. Ich konnte meine Hobbys ausüben und die haben mir ein normales Leben ermöglicht. Das heißt, es gab eigentlich keine Einschränkungen dank der Hörhilfe.

Tobias [00:16:09] Aber wie war das denn für dich zum Beispiel in der Coronavirus-Pandemie, so, als alle eine Maske tragen mussten? Konntest du da überhaupt noch... War anders sehr wahrscheinlich, ne? Du konntest ja wahrscheinlich gar nicht richtig arbeiten. 

Sönke [00:16:19] Genau, definitiv. Ich habe es ja vorhin schon erwähnt. Also ich habe unbewusst in meinem Leben gelernt, dass ich von den Lippen ablesen kann. Sprich, das war natürlich ein großes Plus, wenn ich gegenüber von Kunden sitze und ich die vielleicht akustisch nicht optimal verstanden habe, dass sich das Defizit dadurch ausgleichen konnte. Und dann war es natürlich mit der Maske, das Sichtbild, Mundbild war nicht mehr da und dann natürlich auch die Klarheit der Sprache war natürlich dann deutlich eingeschränkt und das war schon ein großes Handicap. Nicht nur für mich, sondern halt auch für meine Kunden. 

Tobias [00:16:51] Wie erleichtert warst du, als die Maskenpflicht wieder aufgehört hat? 

Sönke [00:16:53] Sehr erleichtert. 

Tobias [00:16:56] Das glaube ich. Seit Anfang des Jahres stellst du dich einer ganz neuen Herausforderung. Du leitest seit kurzem eine der größten Fielmann-Hörakustik-Abteilungen Deutschlands, im Fielmann Supercenter in Kiel, mit gleich sechs Anpasskabinen und einem Team von derzeit zehn Mitarbeitenden. Das klingt so ein bisschen auch nach einer Art Teamsport. Wie kannst du bei deiner Arbeit davon profitieren, dass du so lange Mannschaftssport betrieben hast? 

Sönke [00:17:20] Ich denke, da gibt es viele Parallelen. Teamsport, das sagt es schon immer, man spielt füreinander. Man versucht, wenn mal was nicht gut läuft oder wenn man selbst mal einen schlechten Tag hat, kann das dann einer im Team kompensieren. Beispiel mit dem Handball, wenn ich jetzt einen Fehler in der Abwehr mache, habe ich immer noch einen Torwart, der den Ball halten kann. Und ich denke, dass es auch im Berufsalltag mal ist, dass ich vielleicht mal nicht weiter weiß beim Kunden, dass ich dann einen Kollegen habe, der da vielleicht eine Lösung hat und auf den ich mich dann verlassen kann. Das heißt, ich muss nicht als Einzelkämpfer das Ganze betrachten, sondern ich habe immer jemanden, auf den ich mich verlassen kann. 

Tobias [00:17:58] Beruflich startest du jetzt also gerade so richtig voll durch, als Leitung dieser Hörakustik. Sportlich wiederum hast du deine Karriere in der Handballnationalmannschaft der Gehörlosen nach elf Jahren beendet. Fehlt dir das jetzt schon? 

Sönke [00:18:10] Noch nicht, noch ist es zu frisch. Ich habe meine Karriere in der Gehörlosen-Nationalmannschaft beendet und bin jetzt aktuell erstmal voller Vorfreude, die gewonnene Freizeit anderweitig zu nutzen und mich neuen Herausforderungen zu stellen. Ich denke mal, wenn das nächste große Turnier ist, dann werde ich schon der Zeit hinterher trauern. Das ist vielleicht ein bisschen überspitzt gesagt, aber mich dann zumindest an die schöne alte Zeit erinnern. Aber dem Handballsport werde ich trotzdem noch weiter treu bleiben, zum einen als Zuschauer. Also, ich gehe auch gerne zu Bundesligaspielen des THW Kiels und verfolge die Hörenden-Nationalmannschaft und spiele trotzdem noch im Hörenden-Verein weiter. 

Tobias [00:18:50] Was war denn in deiner Spielerlaufbahn der schönste Moment? Gibt es da so ein oder zwei, die du mit uns teilen kannst? 

Sönke [00:18:57] Auf jeden Fall. Es gibt zwei Momente, an die ich immer gerne zurückdenke. Das ist das zweite Turnier in Brasilien gewesen. Das waren die Gehörlosen-Olympischen-Spiele, wo wir das erste Mal eine Medaille gewinnen konnten. Bei den ersten Spielen in der Türkei waren wir leider nicht erfolgreich, sind ohne etwas nach Hause gefahren. Da war ich schon sehr geknickt und dass wir es dann endlich mal geschafft haben, was mit nach Hause zu bringen, was ich zeigen konnte. Das war schon sehr emotional, das mit Spielern zu gewinnen, die auch die Niederlage vorher mit mir zusammen erlebt haben. Des Weiteren, was bei mir natürlich auch immer sehr hängen bleibt, ist, dass ich eine lange Zeit im Hörenden-Verein mit meinen besten Freunden zusammen verbringen konnte und wir da eine sehr erfolgreiche Zeit hatten mit vielen Aufstiegen und einen Großteil meiner Freizeit mit denen zusammengestalten konnte.

Tobias [00:19:49] Ich habe eben deine Erfolge ja schon aufgezählt. Du bist Deaf-Olympia-Zweiter, mehrfacher Vize-Europameister, Vize-Weltmeister. War dieser zweite Platz für dich mal ein Sieg und ein anderes Mal eine Niederlage. Wie definierst du Erfolg für dich? 

Sönke [00:20:06] Hättest du mir diese Frage direkt nach dem Finale gestellt, dann hätte ich ganz klar gesagt: Ich bin enttäuscht, Niederlage, verdammt, wir haben es wieder nicht geschafft. Und ich versuche es inzwischen so zu sehen, dass es trotzdem eine sehr erfolgreiche Zeit ist. Man ist zwar dann nur zweiter Gewinner, aber es gibt halt auch Momente, wo man gar nichts mit nach Hause bringt, und wenn man das dann vergleicht, ist das schon ein toller Erfolg. Ich definiere auch meine Zeit in der Gehörlosen-Nationalmannschaft nicht nur über die vielen Silbermedaillen und die zweiten Plätze, sondern über die tollen Momente und Erfahrungen, die ich in anderen Ländern sammeln durfte, wo ich vielleicht in meinem Leben nie wieder oder nie hingeflogen wäre. Und was noch viel wichtiger ist, die Freundschaften, die ich dadurch gewonnen habe, und die sind für mich Gold wert. Und insofern ist das für mich viel wichtiger und deswegen definiere ich Erfolg nicht nur mit sportlicher Leistung, sondern auch was neben dem Spielplatz stattfindet.

Tobias [00:20:59] Absolut. Wirst du den Deaf Boys in irgendeiner Funktion erhalten bleiben? Also nur als Zuschauer oder vielleicht auch als Berater, als Betreuer? 

Sönke [00:21:08] Jetzt erstmal nicht. Nur als Fan. In der Funktion werde ich der Mannschaft treu bleiben und was später mal kommt, das muss ich mal sehen. 

Tobias [00:21:17] Sönke, ganz herzlichen Dank, dass du mit uns so viele spannende Momente deiner Sportlerkarriere geteilt hast und auch für deine neue Aufgabe als Leiter einer der größten Fielmann-Hörakustik-Abteilungen Deutschlands in Kiel, ganz viel Erfolg. Danke, dass du da warst.

Sönke [00:21:31] Super, vielen Dank. 

Tobias [00:21:32] Auch in den kommenden Folgen haben wir viele wirklich total interessante Themen für alle, die Interesse am guten Hören haben. Wir sprechen mit Entwicklern, mit Fachleuten, mit Experten und Ausbildern der Branche, und jeder von denen hat etwas Spannendes zu erzählen. Vielleicht ja auch ihr. Habt ihr Themenwünsche oder Erlebnisse, die ihr gerne teilen würdet? Dann könnt ihr uns schreiben an podcast@fielmann.com. Und wie heißt es so schön? Wenn es euch gefallen hat, dann lasst ein Like da und natürlich auch ein Abo. Das war's für heute. Ich heiße Tobias Plöger und ich freue mich schon jetzt auf das nächste Mal. Hearing Connects gibt es alle zwei Wochen neu. Bis dahin, liebe Grüße und wir hören uns.

Station Voice [00:22:09] Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal bei Hearing Connects. Ihr wollt gutes Hören möglich machen? Dann kommt in unser Team. Mehr auf career.fielmann.com

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