#7: Von der Hörforschung in den Studio-Alltag – wie Wissenschaft die Beratung messbar unterstützt
Station Voice [00:00:01] Willkommen bei Hearing Connects, dem Podcast für Hörakustik von Fielmann.
Tobias [00:00:16] Ich gebe zu, ich mache mir ein bisschen Sorgen, denn ich höre noch richtig gut, also so gut, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, dass sich das mal ändert. Statistisch gesehen besteht aber eine 50-prozentige Chance, dass ich in noch nicht mal 20 Jahren ohne ein Hörsystem nicht mehr klarkommen werde. Und das gleiche gilt für euch. Jeder Zweite wird spätestens mit 70 ein Hörsystem brauchen. Das sagt Prof. Dr. Inga Holube, die wohl bekannteste Hörforscherin Deutschlands, die heute mein Gast ist. Ich heiße Tobias Plöger und ich freue mich, dass ihr dabei seid. Inga, dir erst mal ein ganz herzliches Willkommen.
Inga Holube [00:00:51] Ja, ich freue mich auch total, hier zu sein, mit dir, Tobias, und diesen Podcast aufzunehmen.
Tobias [00:00:56] Und ist das wirklich so? Jeder Zweite braucht mit 70 ein Hörsystem?
Inga Holube [00:01:00] Also statistisch gesehen ist das so. Das haben wir aus Daten ermittelt. Wir haben Einwohner aus Oldenburg und aus Emden eingeladen und auch Daten aus Aalen in der Schwäbischen Alb bekommen und haben sie ausgewertet nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation WHO. Und nach deren Kriterien ist damit zu rechnen, dass man mit 70 Jahren und älter eine 50-prozentige Chance hat, schwerhörig zu sein.
Tobias [00:01:29] Aber wenn ihr diese Untersuchungen gemacht habt mit Bürgern aus Emden, Aalen und Oldenburg, sind die nicht vielleicht ganz anders und haben auch ganz andere Hör-Herausforderungen als zum Beispiel jemand aus München?
Inga Holube [00:01:41] Wir haben natürlich darauf geachtet, dass wir gewisse Einflussfaktoren dann auch mit einbeziehen und auch Oldenburg unterscheidet sich schon von Emden und Aalen, aber wir sind sehr zuversichtlich, dass man die Daten, die wir erhoben haben, erweitern kann. Und wir machen jetzt gerade eine Neuauflage der Studie, die ja wie gesagt schon etwas älter ist und haben die damaligen Teilnehmenden wieder eingeladen. Und wir sind ganz gespannt, was jetzt in den letzten 14 Jahren passiert ist. Aber die Daten haben wir noch nicht ausgewertet.
Tobias [00:02:12] Was man tun kann, um zu den 50 Prozent zu gehören, die am Ende kein Hörsystem brauchen, das klären wir hoffentlich ein bisschen später. Ebenso wie ihr als Hörakustikerinnen und Hörakustiker in direkter Zusammenarbeit mit Inga moderne Hörsysteme noch weiter entwickeln könnt. Vorher Inga, sollten wir dich einmal ein bisschen genauer vorstellen, denn eigentlich wolltest du mit Akustik und Ohren gar nichts zu tun haben, sondern Vulkanologin werden. Ist dir das Thema dann doch zu heiß geworden?
Inga Holube [00:02:40] In der Schule war tatsächlich Mathe mein Lieblingsfach. Das fand ich total klasse, logisch aufgebaut, einfach zu verstehen und damals in den 80er-Jahren gab es ja noch kein Internet, wo man recherchieren konnte. Also wir sind zum Arbeitsamt gegangen und haben dort dann Beratungen bekommen und da wurde mir gesagt, mit Mathematik könnte ich dann Sterbetabellen bei Versicherungen berechnen. Das fand ich da nicht so spannend und habe gedacht, ich mache was, was angewandter ist und kam auf die Geophysik, also Vulkane, Erdbeben, et cetera. Die Studienberatung in Göttingen hat mir dann allerdings geraten, erstmal allgemein Physik zu studieren und mich dann auf Geophysik zu spezialisieren und dann die Diplomarbeit in Geophysik zu machen. Aber dazu ist es dann gar nicht mehr gekommen. Im fortgeschrittenen Praktikum gab es ein Experiment in dem sogenannten dritten Physikalischen Institut zur Binauralen Psychoakustik. Also wie hört man mit zwei Ohren im Vergleich zu einem Ohr. Und das fand ich total spannend, weil mein Großvater auch schwerhörig war. Ich habe dann den Betreuer gefragt, ob man in dem Bereich auch eine Diplomarbeit schreiben kann. Was hat das überhaupt mit Physik zu tun? Und dann war ich sehr glücklich, dass er mich dann ein paar Monate später anrief und sagte, ob ich noch Interesse an der Diplomarbeit hätte, er hätte hier ein Thema und dann könnte ich das doch machen.
Tobias [00:04:08] Dann bist du im Grunde so ein bisschen zufällig in die Akustik reingestolpert. Nach deiner Promotion bist du dann erstmal in die Forschung gegangen. Nicht an der Universität, sondern in der Industrie bei Siemens Audiologische Technik. 1995 war das. Siemens war damals einer der führenden Hersteller von Hörsystemen. Wieso bist du dorthin gewechselt?
Inga Holube [00:04:29] Ich hatte nach der Promotion auch eine Postdoc-Zeit, wo ich in verschiedenen Laboren, an drei verschiedenen, sehr netten Orten dieser Welt war, in Amsterdam, Cambridge in England und Boston in den USA. Und das hat schon alles Spaß gemacht und war herausfordernd. Aber Uni-Karriere ist ja auch mit viel Unwägbarkeiten verknüpft, wenn man nur zeitlich befristete Stellen hat. Und ich dachte, auch andere Erfahrungen zu sammeln, ist sehr gut. Ich habe nicht viele Bewerbungen geschrieben in meinem Leben, aber als da eine Stelle ausgeschrieben war bei Siemens, habe ich mich beworben und das hat dann auch geklappt.
Tobias [00:05:08] Auf jeden Fall sehr spannend. Du warst dort Leiterin der Abteilung für Audiologische Grundlagen und Systemtechnik. Was habt ihr da gemacht?
Inga Holube [00:05:16] Wir haben Konzepte entwickelt für neue Hörgeräte. Als ich angefangen habe im September 1995, war das kurz vor dem jährlichen EUHA-Kongress, der immer im Oktober stattfindet. Und dort tauchten dann plötzlich zwei Firmen auf, die sagten, sie hätten digitale Hörgeräte, die sie demnächst verkaufen wollten. Also es wurden die Ankündigungen für digitale Hörgeräte gemacht. Während es bei Siemens ein Kooperationsprojekt mit der zentralen Entwicklung von Siemens München gab und dort gesagt wurde, das funktioniere nicht in der Größe mit dem Strombedarf und so weiter. Also da sind bei Siemens alle aus den Wolken gefallen und haben gesagt, jetzt müssen wir auch ein digitales Hörgerät machen. Und das war eine total spannende Zeit in einem Team mit verschiedenen Akteuren aus der Elektroakustik, aus der IC-Entwicklung und aus der Konstruktion dann zu überlegen, was muss ein digitales Hörgerät können, wie bauen wir das und wie passen wir das an.
Tobias [00:06:21] Das heißt, im Grunde warst du damals planungstechnisch mit beteiligt an der Einführung der ersten digitalen Hörsysteme von Siemens.
Inga Holube [00:06:29] Ja, genau, das kam dann 1997 auf den Markt.
Tobias [00:06:33] Klingt nach einem echten Traumjob, finde ich. Wieso hast du Siemens nach sechs Jahren wieder verlassen?
Inga Holube [00:06:36] Ja, es hatte auch private familiäre Gründe. Mit zwei Kindern dachte ich, dass es nicht mehr so einfach zu organisieren ist. Ich wollte auch gerne diesem Druck jeweils zu einem bestimmten Termin ein Produkt fertig zu haben und diesen Deadlines ein bisschen entkommen und hatte die Illusion, ich könnte an der Hochschule Familie und Beruf ein bisschen besser übereinbekommen. Also die Zeit da war total spannend und ich hätte das auch noch ein paar Jahre länger weitermachen können. Aber es war eben eine Gelegenheit, die ich ergriffen habe, dann zu sagen, versuchen wir es mal an der Hochschule in Oldenburg.
Tobias [00:07:13] Da bist du 2001 hin gewechselt und hast dort den Studiengang Audiologie im Grunde komplett neu aufgebaut. Den gab es nämlich vorher noch nicht. Hat sich das, was du dir erhofft hast, nämlich dass es weniger Arbeit ist als vorher, bewahrheitet?
Inga Holube [00:07:30] Ich hatte ja schon gesagt, ich hatte diese Illusion, dass es so wäre. Ich habe dann festgestellt, dass jede Vorlesung eine Deadline ist. Man muss zu jeder Vorlesung vorbereitet sein. Von daher bin ich den Deadlines nicht entkommen. Aber auch das war eine spannende Zeit. Der Studiengang heißt Hörtechnik und Audiologie an der Jade Hochschule. Ja, den aufzubauen, Studierende zu begleiten, neue Kollegen dann zu rekrutieren. Berufungsverfahren an Hochschulen sind ja auch etwas komplizierter. Also das war auch sehr erfüllend.
Tobias [00:08:03] Das Tolle daran, wenn man etwas Neues aufbaut, ist ja, dass man auch andere Möglichkeiten hat als Nachfolgende. Man kann gestalten. Was war das Ziel bei dem Aufbau des Studiengangs Audiologie? Was wolltest du erreichen?
Inga Holube [00:08:16] Ich hatte ja Erfahrungen aus der Industrie, welche Fachkräfte benötigt werden. Ich hatte diese Abteilung Audiologische Grundlagen und Systemtechnik aufgebaut, von zwei Personen bis hin zu elf Personen, als ich nach sechs Jahren gegangen bin. Aber alles waren sehr geschätzte Mitarbeiter, keiner hatte Audiologie studiert, sondern Elektrotechnik, Nachrichtentechnik, Informatik und deshalb wusste ich, welchen Bedarf es gibt, in der Industrie auch Fachkräfte zu haben, die auch die Audiologie praktisch von der Pike auf gelernt haben. Das kann im Handwerk sein oder eben aus dem Studium, in der Industrie, aber auch in Kliniken, zum Beispiel bei der CI-Anpassung.
Tobias [00:09:02] Eine wichtige Erkenntnis, die du schon früh in deiner Forschung hattest, ist, dass Menschen, die zum Hörakustiker kommen, oft das Problem haben, die Situationen, in denen sie schlecht hören, wirklich treffend zu beschreiben. Kannst du das ein bisschen konkreter machen? Was ist das Problem?
Inga Holube [00:09:16] Also bei Siemens haben wir auch schon daran gearbeitet, möglichst das Feedback, die Rückmeldung der Kunden gezielt zu erfassen, zum Beispiel mit einem Anpassassistenten in der Software. Aber da muss sich dann der Kunde beim Hörakustiker auch erinnern, wie war es jetzt in den letzten vier Wochen zum Beispiel. Und es gibt auch Fragebögen, auch damit habe ich mich beschäftigt, die man auch retrospektiv ausfüllt und überlegt, in welchen Situationen hatte ich Probleme. Wir haben dann ein System entwickelt, das auf dem Smartphone implementiert ist. Und die Methode nennt sich Ecological Momentary Assessment, wo man also im Alltag dann wiederkehrend immer wieder in den jeweiligen Situationen, in denen man Probleme hat, eben diese Probleme auch auf dem Smartphone erfasst, also gezielt Fragen beantwortet. Und das könnte man ja auch in Zukunft im Fachgeschäft beim Hörakustiker einsetzen, um dann mehr darüber zu wissen, wo denn der Kunde ein Problem hat.
Tobias [00:10:18] Ja, im Grunde eine total simple Idee, auf die man aber erst mal überhaupt kommen muss. Ich habe es ganz zu Beginn gesagt, auch die aktuellen Zahlen, wie viele Menschen ein Hörsystem brauchen, die stammen aus deiner Forschungsgruppe. Ergebnis: 16 % aller Menschen haben einen Hörbedarf, bei den lebenserfahrenen Menschen ab 70 sind es 50 %. Kann man irgendwas dafür tun, nicht zu denen zu gehören, die im höheren Alter dann Unterstützung fürs Ohr brauchen?
Inga Holube [00:10:45] Möglichst lang gesund bleiben. - Es gibt einige Indikatoren, wo man weiß, dass sie einen Einfluss haben auf das Hörvermögen, aber es ist auch nicht bei jedem Menschen genauso. Deshalb sind diese 50 % natürlich auch nur eine statistische Angabe. Also man weiß zum Beispiel, dass Rauchen schädlich ist für den gesamten Körper, aber auch für das Hörvermögen. Dass Stoffwechselerkrankungen wie zum Beispiel Diabetes ein Problem sind oder zusätzlich dazu beitragen können, dass man schlechter hört. Aber auch der Lärm, den man im Laufe seines Lebens ausgesetzt war, auch der hat einen negativen Einfluss auf das Hörvermögen.
Tobias [00:11:27] Aber Rauchen hat Auswirkungen aufs Hören?
Inga Holube [00:11:32] Ja.
Tobias [00:11:32] Warum?
Inga Holube [00:11:32] Das ist eine gute Frage. Rauchen hat ja auch noch andere körperliche Auswirkungen, wie beispielsweise eine höhere Wahrscheinlichkeit Krebs zu bekommen. Und das ist jetzt auch nur eine statistische Erfahrung aus Studien, zum Beispiel aus Norwegen, die dann analysiert haben, wie das Hörvermögen von Rauchern und Nichtrauchern ist. Und da ist das einer der Faktoren.
Tobias [00:11:55] Eine große Herausforderung, vor der viele Menschen mit Hörverlust stehen, nennt sich ganz flockig Cocktail-Party-Effekt. Also, wie kann ich mich auf ein Gespräch mit einer Person konzentrieren, wenn um mich herum ganz viele andere Menschen sprechen, wenn vielleicht Musik spielt, Gläser klirren. Was habt ihr entwickelt oder tut es vielleicht noch, um dabei zu helfen?
Inga Holube [00:12:15] In Hörgeräten werden Algorithmen eingesetzt, also Rechenverfahren, um Störgeräusche zu reduzieren und Richtmikrofonie. Das heißt also ein Fokus auf Personen, die mir zum Beispiel gegenübersitzen, damit ich sie dann besser hören oder verstehen kann. Wir arbeiten aber auch an Messverfahren, um die Probleme auch besser zu quantifizieren. Also Hörakustiker kennen natürlich den Freiburger Einsilbertest, der in der Regel in Ruhe durchgeführt wird. Den kann man auch im Störgeräusch durchführen, aber das sind dann einzelne Wörter mit einem stationären Hintergrundgeräusch und das ist ja dann nicht wirklich eine Cocktailparty. Also wir arbeiten auch an Verfahren, um das Sprachverstehen und die Probleme im Störgeräusch zu messen, mit Sätzen oder Phrasen und dann auch mit anderen Arten von Geräuschen, die alltagsnäher sind.
Tobias [00:13:08] Also ein Beispiel, wie du es mit deinem Team geschafft hast, die Hörakustik zu verändern, ist das hier.
Sprachtest [00:13:13] [Hier hören wir verschiedene Menschen mit einzelnen Wörtern in unterschiedlichen Sprachen, die durcheinander reden.]
Tobias [00:13:31] Inga, das klingt erstmal ein bisschen verwirrend, muss ich sagen, was ist denn das?
Inga Holube [00:13:34] Das ist das International Speech Test Signal, ISTS genannt, was eigentlich in jeder Messapparatur, die ein Hörakustiker im Fachgeschäft hat, enthalten ist.
Tobias [00:13:46] Und was soll das bringen?
Inga Holube [00:13:47] Man kann damit Hörgeräte testen, also man muss sich das so vorstellen, dass früher Sinustöne und Rauschen verwendet wurden, um zum Beispiel die Verstärkung oder den Ausgangspegel von Hörgeräten zu vermessen. Wenn jetzt Hörgeräte eine Störgeräuschreduktion machen, dann erkennen sie diese Testsignale als Störungen und machen dann zum Beispiel weniger Verstärkung. Aber man möchte ja eigentlich wissen, wie reagiert ein Hörgerät auf Alltagssignale? Das wichtigste Alltagssignal ist Sprache. Dann haben Hörakustiker und Audiologen Hörgeräte mit unterschiedlichen Sprachen getestet und bei den Herstellern angefragt, warum das Hörgerät jetzt diesen Output bei dieser Sprache erzeugt? Dann haben die Hersteller gesagt, ja, aber wir können ja nicht alle möglichen Sprachsignale selbst durchtesten bei uns, um nachzuvollziehen, was da passiert. Wir brauchen ein standardisiertes, einheitliches Sprachtestsignal. Und das soll auch weltweit eingesetzt werden. Wir können jetzt nicht Französisch oder Deutsch nehmen als Sprache, dann wird es in anderen Ländern nicht anerkannt. Also wir brauchen ein Signal, was aus mehreren Sprachen zusammengesetzt ist, aber was sich trotzdem verhält, als wenn es eine einzelne Person ist, die da spricht. Und dann können wir damit definieren oder beschreiben, was macht das Hörgerät für eine Verstärkung für diese Sprache. Und das war die Aufgabe, die wir dann gelöst haben, indem wir sechs Frauenstimmen jeweils in ihrer Muttersprache einen Text haben sprechen lassen und die Aufnahmen so auseinandergenommen und wieder zusammengefügt haben, dass die Eigenschaften, die zeitlichen, die spektralen Eigenschaften, wie von einer einzelnen Sprecherin ist.
Tobias [00:15:38] Klingt echt total interessant. Und jetzt wird es doch nochmal richtig spannend für alle Hörakustikerinnen und Hörakustiker da draußen, denn ein jeder von denen kann mitforschen. Dafür wurde das sogenannte Hörwerk gegründet. Erklär mal kurz, was ist das?
Inga Holube [00:15:52] Das Hörwerk ist eine Innovationscommunity, die gefördert wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt und das Hörwerk bekommt genauso wie 19 andere Innovationscommunities ein gewisses Budget mit dem man dann Projekte machen kann, die das Ziel haben, die Hörgeräteversorgung, die Hörversorgungen von hörgeschädigten Menschen zu verbessern.
Tobias [00:16:20] Wer kann da mitmachen?
Inga Holube [00:16:21] Jeder kann mitmachen. Also jeder kann auf die Hörwerkseite gehen, hörwerk.org, und sich dort anmelden. Da gibt es drei Kategorien: Hörakustiker, Hörforscher und Sonstige. Und dann können Forschungsprojekte beantragt werden, wo dann in jedem Projekt mindestens ein Hörakustiker und ein Hörforscher zusammenarbeiten müssen. Und wir schauen uns in einem Lenkungsausschuss die Anträge an.
Tobias [00:16:59] Und was erhofft ihr euch von den Hörakustikern in dieser Runde? Was können die beitragen?
Inga Holube [00:17:05] Wir erwarten, dass die Projekte auch für die Hörakustik relevant sind und dass sie eine Verbesserung bringen in der Hörversorgung. Dass also nicht Hörforscher in ihrem Elfenbeinturm etwas entwickeln, was überhaupt nicht relevant ist, sondern dass auch die Ideen aus der Hörakustik kommen und damit auch den Praxisbezug haben.
Tobias [00:17:29] Kannst du mal vielleicht so ein paar Beispiele nennen, was für Vorschläge und Projekte von Hörakustikerinnen und -akustikern an euch herangetragen wurden?
Inga Holube [00:17:38] Also ein Projekt, das ausgewählt wurde, da geht es zum Beispiel um Otoplastiken. Wie kann man sie besser gestalten, sodass der Okklusionseffekt, also dass die eigene Stimme schlecht wahrgenommen wird, reduziert ist, aber trotzdem möglichst geschlossen versorgt wird, sodass man im Hörgerät auch gute Verstärkung machen kann. Das ist zum Beispiel eines der Projekte. Wir sind auch selbst beteiligt in einem Projekt zusammen mit dem Deutschen Hörgeräteinstitut in Lübeck. Dort geht es um Sprachtests in Fachgeschäftsräumen - welchen Einfluss hat die Raumakustik in den Fachgeschäftsräumen? Also hier haben wir eine sehr gute Raumakustik in diesem Aufnahmeraum, aber die Fachgeschäfte haben zum Teil auch andere Prioritäten wie Design, müssen aber trotzdem gewisse Bedingungen erfüllen. In der Regel sind sie aber akustisch nicht so abgedämpft wie zum Beispiel ein reflektionsarmer Raum, den wir bei uns in der Hochschule haben, also wo gar keine Reflektionen von den Wänden kommen. Und welchen Einfluss hat das dann auf die Testergebnisse? Und wenn der HNO-Arzt anders misst als der Hörakustiker...
Tobias [00:18:44] ...Ja, dann haben sie auch unterschiedliche Ergebnisse, klar.
Inga Holube [00:18:47] Genau.
Tobias [00:18:47] Über was für Fördersummen reden wir hier? Also wenn ihr euch jetzt entscheidet, das ist ein Projekt, das finden wir super, das würden wir gerne unterstützen. Wie viel Geld fließt denn dann da rein?
Inga Holube [00:18:58] Also große Projekte haben ein Volumen von bis zu 500.000 Euro und kleine Projekte, die auch eine kürzere Laufzeit haben, dann bis zu 150.000 Euro. Das Gesamtbudget des Hörwerks beträgt fünf Millionen Euro.
Tobias [00:19:14] Das ist echt eine ganze Menge Geld.
Inga Holube [00:19:15] Das hört sich so toll an, aber wenn man dann auf vier Jahre verteilt und viele Projekte verteilt, dann ist das Geld auch schnell ausgegeben.
Tobias [00:19:23] Aber ich bin total beeindruckt, wie viel du, wie viel ihr tut, um die Hörakustik und die Audiologie auf eine neue Stufe zu heben. Im Grunde bist du bei diesen Projekten ja irgendwie wieder so ein bisschen in einer ähnlichen Rolle wie damals in der Forschungsabteilung bei Siemens, oder?
Inga Holube [00:19:39] Ja, das kann man so sagen. Außer dass ich keine Produkte verkaufe, kümmere ich mich weiterhin darum, bessere Hörversorgung zu erreichen.
Tobias [00:19:48] Abschließend würde ich gerne noch eine, ja wie ich finde, schon schockierende Zahl ins Spiel bringen. Die habe ich beim Fraunhofer Institut gefunden. Nur 40 % der Menschen mit Hörbedarf sind auch versorgt. Der Rest will oft gar nicht. Wie kriegt man diese Quote hoch? Wie reduziert man die Abbrecherquote?
Inga Holube [00:20:07] Die Abbrecherquote, glaube ich, ist noch nicht mal so hoch. Ich habe jetzt keine Zahl dafür. Aber durch so einen Podcast wie hier zum Beispiel, durch Öffentlichkeitsarbeit, kann man schon die Hörversorgung verbessern oder Menschen motivieren, zu einem Hörakustiker zu gehen. Zum Beispiel ist es so, dass in Oldenburg die Personen im Schnitt früher zum Hörakustiker gehen als in Aalen oder in Emden. Das war auch ein Ergebnis unserer Studien. Weil in Oldenburg die Hörforschung durch die verschiedenen Institutionen, die es da gibt, also neben der Jade Hochschule auch die Universität Oldenburg, Hörzentrum, Fraunhofer und so weiter, präsenter in der Öffentlichkeit ist und vielleicht auch dadurch Personen sich eher versorgen lassen.
Tobias [00:20:54] Und ganz viel in dieser Versorgung hast du in den vergangenen Jahrzehnten mit angestoßen. Hast du noch Bock?
Inga Holube [00:21:01] Auf jeden Fall. Ich gehöre noch nicht zum alten Eisen.
Tobias [00:21:05] Wie froh bist du im Rückblick, dass du nicht Vulkanologin, sondern Hörforscherin geworden bist.
Inga Holube [00:21:10] Da bin ich sehr froh drum, dass ich bei dem Thema geblieben bin. Es hat auch damit zu tun, dass die Hörakustik, die Audiologie eigentlich auch wie eine große Familie ist. Man kennt sich, trifft sich immer wieder bei Tagungen, bei Kongressen und arbeitet in vielfältiger Weise zusammen und das finde ich sehr gewinnbringend.
Tobias [00:21:30] Und eine Sache muss man ja mal sagen, Inga, wir reden jetzt hier über so theoretische Forschung und natürlich auch die Umsetzung in die Praxis, aber im Grunde bedeutet das, dass du mit dem, was du tust, vielen Tausenden, vielleicht sogar Millionen von Menschen hilfst einfach wieder viel mehr Lebensqualität zu haben. Ist dir das eigentlich bewusst?
Inga Holube [00:21:50] Also täglich denkt man natürlich nicht so darüber nach, wenn man in der Arbeit drinsteckt. Aber es ist schon toll, dabei zu sein. Natürlich habe ich nicht alles allein entwickelt, es gehört immer Teamarbeit mit dazu. Aber ein Teil dessen zu sein, ist schon ein tolles Gefühl und das spornt uns auch immer wieder an, besser zu werden und neue Verfahren zu entwickeln, neue Ideen zu haben.
Tobias [00:22:15] Inga, ganz herzlichen Dank für deinen Besuch bei uns. Ich wünsche dir ganz viel Erfolg, denn von dem profitiert am Ende nicht nur jeder Einzelne, der ein Hörsystem trägt, sondern auch die ganze Branche. Toll, dass du da warst.
Inga Holube [00:22:28] War super das Gespräch. Vielen Dank.
Tobias [00:22:30] Und ihr, habt ihr jetzt vielleicht Lust mitzuforschen, mitzumachen? Dann verlinken wir euch die wichtigsten Infos dazu in unseren Shownotes. Vielleicht habt ihr ja selbst Projektideen oder Gedanken, wie das ein oder andere Problem eurer Kundinnen und Kunden gelöst werden kann. Wir hören uns hoffentlich bald wieder. Alle zwei Wochen gibt es eine neue Folge. Und wenn ihr gerade erst dazugekommen seid, schaut gerne mal in unseren älteren Folgen. Da ist einiges dabei, was euch beispielsweise dabei helfen kann, in eurem Job als Hörakustiker auch so etwas wie eine Traumkarriere zu machen. Wenn ihr Feedback habt, schreibt uns an podcast@fielmann.com. Wir freuen uns auf eure Post. Mein Name ist Tobias Plöger und ich hoffe, ihr empfehlt uns weiter. Bis zum nächsten Mal, wir hören uns.
Station Voice [00:23:14] Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal bei Hearing Connects. Ihr wollt gutes Hören möglich machen? Dann kommt in unser Team. Mehr auf career.fielmann.com