#9 Alarm im Innenohr - Ein DJ zwischen Hörsturz und Morbus Menière
Station Voice [00:00:01] Willkommen bei Hearing Connects, dem Podcast für Hörakustik von Fielmann.
Tobias [00:00:15] Pro Jahr erleiden allein in Deutschland mehr als 150.000 Menschen einen Hörsturz. Plötzlicher Hörverlust, Ohrengeräusche, Schwindel, ein dumpfes Druckgefühl, das sind nur einige der unangenehmen Symptome. Und obwohl der sogenannte Tinnitus seit Jahrzehnten bekannt ist, wissen selbst absolute Expertinnen und Experten noch immer sehr wenig über die Ursachen. Es kann sein, dass es an Durchblutungsstörungen im Innenohr liegt. Kann sein, dass er durch Stress ausgelöst wird. Kann auch sein, dass er durch eine Ohrinfektion ausgelöst wird. Die Hälfte aller Hörstürze heilt von alleine und innerhalb von 24 Stunden. Bei vielen anderen dauert es bis zu 14 Tage, bis die Symptome verschwinden. Aber auch sie erleiden keine bleibenden Schäden. Und dann gibt es Menschen, bei denen ein Hörstrutz das ganze Leben vollkommen auf den Kopf stellt. Und so einen haben wir heute zu Gast. Mein Name ist Tobias Plöger. Schön, dass ihr dabei seid. Und nun möchte ich euch bekannt machen mit... Thomas Sünder. Willkommen Thomas.
Thomas Suender [00:01:12] Hallo, schön hier zu sein.
Tobias [00:01:14] Thomas, vielen unserer Zuhörenden dürfte dein Name bekannt sein. Du hast nämlich so etwas, könnte man sagen, wie ein neues Standardwerk der Hörakustik geschrieben, gemeinsam mit dem Arzt Dr. Andreas Borta. Es heißt "Ganz Ohr", alles über unser Gehör und wie es uns geistig fit hält. Darüber sprechen wir ein bisschen später, denn das ist eigentlich das Ende der Geschichte. Wir springen erst mal zurück an den Anfang in einen großen Saal mit hunderten von Gästen, die ausgelassen tanzen und feiern. Zwei der Anwesenden erleben den hoffentlich schönsten Tag ihres Lebens: es ist nämlich ihre Hochzeit. Und wo auf dieser Party finden wir im Zweifelsfall dich, Thomas?
Thomas Suender [00:01:48] Hinter dem DJ-Pult.
Tobias [00:01:50] Bei wie vielen Hochzeiten hast du aufgelegt?
Thomas Suender [00:01:52] Um die 500.
Tobias [00:01:53] Das ist echt eine ganze Menge, ne?
Thomas Suender [00:01:54] Ja.
Tobias [00:01:55] Hochzeits-DJ war aber trotzdem, das weiß ich, nicht deine erste große Berufsliebe, sondern erstmal ein Mittel zum Zweck, denn eigentlich bist du Musiker. Was für ein Instrument spielst du?
Thomas Suender [00:02:04] Also Jazzgitarre ist das Instrument, das ich spiele, aber eigentlich spiele ich Mischpult. Also ich habe Musik produziert und auch viel elektronische Musik und habe das aber auch mit akustischen Instrumenten verbunden.
Tobias [00:02:16] Und dein Job als DJ war dann sozusagen der Brotjob, der den Kühlschrank vollgemacht hat, oder?
Thomas Suender [00:02:21] Genau so war's, ja. Also das war die Sache, mit der ich das eigentliche Geld verdient hab, der Rest war Kunst.
Tobias [00:02:28] Du hast sogar ein Buch über Hochzeiten geschrieben, weil du bei so vielen warst, hattest du nämlich eine ganze Menge Tricks auf Lager oder Dinge, auf die man achten soll. Ich find den Titel so großartig. Das Buch heißt "Wer Ja sagt, darf auch Tante Inge ausladen". Erzähl mal, was hat es damit auf sich?
Thomas Suender [00:02:42] Ja, also ich hab mit den Brautleuten immer ein ausführliches Vorgespräch geführt, wo die mir gesagt haben, wir wollen, dass auf unserer Hochzeit dies und jenes passiert, wir wollen auf gar keinen Fall Hochzeitsspiele. Und dann kommt irgendeine Tante Inge aus dem Publikum und macht trotzdem Hochzeits-Spiele und das Brautpaar hat gar keinen Bock drauf und die ganze Party ist gesprengt. Und so gibt's tausend kleine Fallstricke bei diesen Feiern, die ich beobachtet hab. Und dann hab ich irgendwann angefangen, den Brautleuten schon im Vorgespräch zu sagen, wenn ihr das und das machen wollt, denkt bitte daran, das könnte passieren, macht's also so. Und dann hab ich gemerkt, hey, das funktioniert und die Feiern werden besser dadurch. Ich war ja immer von Anfang bis Ende dabei. Ich war immer der Erste, der kam, der Letzte, der ging. Und dann haben wir gesagt, das muss eigentlich ein Ratgeber werden. Und daraus wird dann dieses Buch.
Tobias [00:03:24] Und das Buch war so beliebt, dass du sogar in die NDR Talkshow eingeladen worden bist als Hochzeits-DJ und Autor. Was ist nach dieser Sendung passiert?
Thomas Suender [00:03:33] Ja, also danach sind natürlich die Anfragen durch die Decke gegangen und halt eben auch aus ganz Deutschland gekommen. Vorher war das so, ich wurde einfach immer nur weiterempfohlen. Ich hab eigentlich gar keine Werbung gemacht und plötzlich kamen Leute, mit denen ich noch nie was zu tun hatte, aus irgendwelchen Ecken Deutschlands und ich bin halt durch die ganze Republik gereist dann zu Feiern. Und ich muss gestehen, meine Gagen haben sich dadurch ein bisschen erhöht, ja.
Tobias [00:03:54] Wolltest du denn eigentlich zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch als Hochzeits-DJ arbeiten?
Thomas Suender [00:03:59] Es war ein schwieriges Spannungsfeld, weil als Hochzeits-DJ ist es ja ganz klar so, dass du die Musik spielst, die die Leute hören wollen. Also das hatte relativ wenig mit meinem eigenen Geschmack zu tun. Und wenn das dann zu viel wird, wenn man selbst eigentlich eine andere Musik macht, ist es natürlich manchmal ein bisschen schwierig. Aber ja, also es hat schon trotzdem auch großen Spaß gemacht.
Tobias [00:04:17] Wie müssen wir uns die Lautstärke vorstellen, die du als DJ auf jeder dieser ja doch oft stundenlangen Veranstaltungen ausgesetzt warst?
Thomas Suender [00:04:25] Die Lautstärke war relativ hoch. Ich habe aber immer sehr verantwortungsbewusst gearbeitet. Es sind ja auf Hochzeiten auch ältere Menschen und so weiter. Und ich habe immer mit einem maßgefertigten Gehörschutz gearbeitet, nur ich stand halt immer direkt beim Subwoofer und der Schall geht natürlich auch durch den Körper durch.
Tobias [00:04:42] War da aber nicht so ein Hörsturz auch ein bisschen vorprogrammiert? Viel Stress, viel Krach, viel Fahrerei, großer Zeitdruck, wenig Schlaf, wenig Ruhe?
Thomas Suender [00:04:51] Ja, im Nachhinein weiß man es dann natürlich immer besser. Ich würde schon sagen, dass mein erster Hörsturz, den ich hatte, ein eindeutiges Warnsignal meines Körpers war, dass ich zu dem Zeitpunkt aber nicht, ich will nicht sagen nicht ernst genommen habe, aber ich war halt zu dem Zeitpunkt so erfolgreich, dass ich deshalb nicht alles über den Haufen werfen wollte.
Tobias [00:05:09] Die meisten würden ja jetzt denken, Hörsturz, Alarmsignal, ich mach erstmal ruhig. - Warum nicht du?
Thomas Suender [00:05:14] Ja, man muss sich vorstellen, als Selbstständiger, ich war in der Situation, ich war eineinhalb Jahre im Voraus ausgebucht, musste keine Werbung machen, die Kunden kamen von alleine und ich habe wirklich viel Geld verdient und etwas worauf andere jahrelang hinarbeiten, hatte ich. Und dann sagt man auch nicht einfach, das gebe ich jetzt auf. Im Nachhinein würde ich sagen, klar, Körper geht vor. Es war ja auch so, dass dann ein Hörsturz erfolgte, nachdem ich auf dem Ohr halt auch ein schlechtes Gehör behalten habe. Und dann habe ich mir auch mein erstes Hörgerät damals anpassen lassen auf der Seite, ein kleines Im-Ohr-Gerät, das ganz unauffällig war und habe weitergemacht. Und im Nachhinesin würde sagen, das war schon ein Fehler.
Tobias [00:05:52] Weil dann kam der Abend, von dem man sagen kann, er hat im Grunde dein Leben komplett verändert. Was ist da passiert?
Thomas Suender [00:05:57] Da hat es mich von den Füßen gehauen, im wahrsten Sinne des Wortes, und zwar war das ein Firmen-Event, eine ziemlich teure Weihnachtsfeier, ich auch wieder DJ, mitten am Auflegen gewesen, Party am Kochen und ich habe eine massive Schwindel-Attacke bekommen. Und man muss sich diesen Schwindeln so vorstellen, der ist so krass, man kann nichts angucken, weil sich die Augen so schnell bewegen und es haut einen einfach von den Füssen. Und natürlich weiß keiner, was ist mit dem Typen los. Also beim DJ denkt man dann vielleicht, oh, da hat er die falschen Drogen genommen. Ich habe aber sofort gespürt, oh das ist ernst. Und ich hab's irgendwie geschafft. Ich weiß bis heute nicht, wie... Ich hab' einen Notarztwagen gerufen. Ich muss irgendwie, obwohl ich das Handy gar nicht sehen konnte, weil sich alles so schnell bewegt hat, ich hab es irgendwie geschafft, einen Notruf zu wählen. Und dann kamen halt Sanitäter dahin, haben mich da rausgeholt und es ging direkt vom DJ-Pult ins Krankenhaus.
Tobias [00:06:46] Aber das musst du uns jetzt mal kurz beschreiben. Du sagtest, es hat sich alles so schnell bewegt. Was meinst du damit?
Thomas Suender [00:06:52] Es ist ja so, ich weiß jetzt, rational, wenn so eine Schwindel-Attacke kommt, bewegen sich eigentlich die Augen ganz schnell. Aber für einen selbst fühlt es sich ja so an, als würde sich die Welt bewegen. Und es ist ein absolut bedrohliches Gefühl. Also es gibt Berichte von Leuten, die ihre erste Menière-Attacke hatten und die Angst hatten, zu sterben. Weil das ist so, also wie gesagt, man kann sich diesen Schwindel eigentlich kaum vorstellen, wenn man das noch nicht erlebt hat. Und dann ist es auch noch so, es führt sofort zur Übelkeit. Ich musste mich auch übergeben. Also ich habe eigentlich die ganze Fahrt ins Krankenhaus in so einen Schlauch reingekotzt.
Tobias [00:07:24] Okay. Und du hast das Stichwort gerade schon genannt. Das war jetzt kein einfacher Hörsturz mehr, sondern ein Symptom für Morbus Menière. Das ist eine Extra-Krankheit, könnte man sagen. Vielleicht kannst du die einmal kurz erklären.
Thomas Suender [00:07:36] Morbus Menière setzt sich immer aus den drei Symptomen zusammen. Es fängt eigentlich immer irgendwann mal mit einem Hörsturz an, der dann aber auch sozusagen sich nicht regeneriert. Dann kommt hinzu Tinnitus und halt eben dieser massive Schwindel. Und ich würde sagen, von den drei Sachen war der Schwindel dasjenige, was mich am meisten beeinträchtigt hat. Tinnitis habe ich schon seit vielen Jahren. Der war für mich eigentlich kein großes Problem. Der Hörverlust war natürlich auch schlimm, aber der Schwindel ist halt eben das, was einen so eine Angst macht. Das kann einen ja ständig treffen. Also man soll ja zum Beispiel nicht mehr auf Leitern arbeiten. Man geht einkaufen, hat Angst, es haut mich gleich um, weil es kommt halt aus heiterem Himmel. Und diese Angst ist eigentlich das, was einem die Lebensqualität vermiest.
Tobias [00:08:19] Nur ein kurzer Hinweis an der Stelle, wir werden das Thema Schwindel in einer der nächsten Folgen von Hearing Connects noch einmal mit einem der absoluten Experten in der deutschen Ärzteschaft besprechen. Dazu später mehr. Thomas, kannst du uns einmal sagen, was diesen Schwindel triggert?
Thomas Suender [00:08:37] Nichts triggerte ihn. Es ist einfach so... der kommt. Also das Wort Trigger sollte man schon auch im Kopf behalten, was nämlich passieren kann, wenn jemand Menière hat ist, dass er später so eine Angst vor dem Schwindel entwickelt, dass sich auch ein psychogener Schwindeln entwickeln kann. Das ist mir auch dann so gegangen, das heißt also oft wenn jetzt irgendwas in Bewegung ist, ich laufe am Wasser entlang und sehe wie das Wasser fließt... dass mein Gleichgewichtssinn so verwirrt ist, dass er denkt, jetzt stimmt irgendwas nicht, obwohl alles in Ordnung ist, ich hab eigentlich keine Menière-Attacke, fang aber trotzdem an zu schwanken. Und das sind dann eben diese Trigger, dass man sagt, etwas löst in mir ein wankendes Gefühl aus, aber das ist nicht die eigentliche Attacke. Die Attaccke ist etwas, was im Ohr passiert und das haut einen einfach um.
Tobias [00:09:27] Druck im Ohr, Hörverlust, Übelkeit, heftiger Drehschwindel, haben wir schon gesagt, teilweise stundenlang. Kann man irgendetwas tun, wenn man merkt, der Schwindel kommt? Oder kommt der so plötzlich, dass dann gar nichts mehr möglich ist?
Thomas Suender [00:09:40] Es gibt verschiedene Varianten. Es gibt Leute, die berichten, dass sie vorher so eine Art Ankündigungsgefühl haben und es dann sozusagen kommen sehen. Bei mir war es tatsächlich so, der kommt einfach. Und das ist eben dieses unheimlich Bedrohliche, weil wenn man weiß, man hat diese Krankheit, kann es halt immer zu passieren.
Tobias [00:09:59] Was feststeht, ist, dass Morbus Minier, genau wie der Hörsturz, eine Innenohrkrankheit ist. Kommen Hörakustikerinnen- und Akustiker eigentlich auch bei Kunden damit in Kontakt?
Thomas Suender [00:10:09] Absolut, also es gibt keine genaue Anzahl der Menièrepatienten in Deutschland, weil das eben sehr schwer zu erfassen ist, aber man geht zwischen 150.000 bis über 200.000 aus und alle von denen ist ja gemein, dass sie einen Hörverlust auf den betreffenden Ohren haben. Das heißt, es ist sehr wahrscheinlich, dass die irgendwann mal zu einem Hörakustiker gehen und jetzt ist es so, dass wir in Deutschland etwas über 7.000 Fachgeschäfte haben, genaues Zahl weiß ich nicht, ich glaube 7.400, der Wahrscheinlichkeit nach wird in jeden dieser Fachgeschäfte mindestens ein paar Leute sein, die Menière haben. Und jeder Hörakustiker wird irgendwann mal jemand mit Morbus Menière vor sich haben.
Tobias [00:10:45] Und gibt es etwas, was ein Hörakustiker beachten sollte, wenn er einen Kunden hat, der diese Krankheit eben hat.
Thomas Suender [00:10:52] Ja, also erstmal eine gewisse Sensibilität, weil für diese Menschen ist es natürlich eine absolute Ausnahmesituation und in der Anpassung der Hörsysteme würde ich auch Dinge anders machen als bei einem, ich sag mal in Anführungszeichen, normalen Hörverlust.
Tobias [00:11:06] Zum Beispiel?
Thomas Suender [00:11:07] Also bei Morbus Menière ist erstmal ganz wichtig, es ist meistens ein Tieftonverlost und es ist nicht zielführend zu versuchen, diesen Tiefton-Verlust auf Teufel-Komm-Raus auszugleichen, weil dadurch gebe ich halt Druck auf das Ohr. Ich hab das ja selbst erlebt, ich trag ja selbst Hörsysteme. Und man nimmt den Bass dann trotzdem nicht als laut war, aber er führt zu einem Druck. Und alles was Druck auf dem Ohr macht, gilt es zu vermeiden. Das ist mal das eine. Das zweite ist, daraus resultiert auch, ich würde ein Menièreohr so offen wie möglich anpassen. Weil es gibt nichts Schlimmeres als ein Okklusionsgefühl auf diesem Ohr. Das führt ja auch zu einem Druck. Wenn ich jetzt irgendwie laufe und das stößt so richtig ins Ohr rein, vom Druckgefühl her. Und was natürlich auch noch ein bisschen tückisch ist für Hörakustiker, ist, dass das Hörvermögen bei Menière tatsächlich schwanken kann. Das heißt, es kann an einem Tag mal besser sein, das Gehör, und je nachdem wann ich angepasst habe, kann es dann auch teilweise sein, dass die Hörgeräte zu laut klingen. Deswegen, ich würde immer empfehlen, Hörergeräte zu nehmen, die man auch per Bluetooth mal in der Lautstärke ein bisschen regulieren kann. Dass man der Person sagt, wenn es für dich an dem einen Tag zu laut ist, regel lieber mal ein bisschen runter.
Tobias [00:12:15] Was hat das eigentlich mit dir gemacht, dass du jetzt auf dieser Party quasi von jetzt auf gleich zusammengebrochen bist, ins Krankenhaus eingeliefert werden musstest mit Symptomen, die für dich ja vollkommen unbekannt waren?
Thomas Suender [00:12:27] Es hat mir massive Angst gemacht und es hat mir auch nicht geholfen, dass in der Notaufnahme mir dann ein übereifriger Arzt gesagt hat, ja das ist bestimmt Morbus Menière. Zu dem Zeitpunkt war es noch gar nicht klar, was es ist. Aber da kann man ja ein Cochlea-Implantat setzen, wenn irgendwie alle Stricke reißen. Und ich lag in dem Moment, als er mir das erzählt hat, kotzend auf einer Liege mit Schwindel. Also ich finde, das war zu viel Information und auch irreführend. Und es hat nicht geholfen, diese Angst mir zu nehmen. Und dann war natürlich diese absolute Existenzangst. Meine ganze Existenze war auf mein Gehör aufgebaut als Musiker, als DJ. Und ich wusste schon an dem Abend, ich werde nie wieder auflegen. Ich hatte aber, wie gesagt... ich war eineinhalb Jahre im Voraus ausgebucht. Wie funktioniert das dann? Die Leute haben mir Anzahlungen gezahlt, muss ich das zurückzahlen? Also alles so Gedanken, die einem dann durch den Kopf gehen.
Tobias [00:13:16] Ja. Und dazu kommt, dass Morbus Menière dich im Grunde auch zu einem unfreieren Menschen gemacht hat, ne?
Thomas Suender [00:13:21] Ja, man muss dazu sagen, ich war ja ein mobiler DJ, das heißt ich bin überall mit meinem eigenen Transporter hingefahren, hatte meine eigene Anlage dabei und dann habe ich im Krankenhaus erfahren, wenn sie Morbus Menière haben, dürfen sie gar nicht Auto fahren. Beziehungsweise, das heißt, ich habe es erfahren, ich hab es erfragt, das hat mir keiner von sich aus gesagt und es war dann in meinem Fall tatsächlich so, dass gesagt wurde, du darfst zwei Jahre lang nach er Schwindel-Attacke nicht Auto fahren. Macht in gewisser Weise Sinn, weil, wenn man sich vorstellt, das passiert auf der Autobahn, auf der Überholspur, dass so eine Attacke kommt. Nur die zwei Jahre sind halt komplett willkürlich, dafür gibt es keine medizinische Indikation. Und das Schlimme daran ist, es wird dann gesagt, wenn eine neue Schwindeltacke kommt, gilt dann wieder zwei Jahre. Es ist auch so, dass sich das rechtlich ein bisschen unterscheidet, dass es bei Leuten, die zum Beispiel in einem Beruf arbeiten, die Personen befördern, die dürfen eigentlich mit dieser Krankheit gar nicht mehr fahren. Also absolute Katastrophe für den Beruf. Und zwei Räder darf man eigentlich auch gar nicht mehr fahren. Alle anderen dürfen eigentlich, wenn zwei Jahre kein Anfall mehr erfolgt ist, wieder Autofahren. Aber man muss sich das auch bescheinigen lassen. Und jetzt komme ich nochmal zurück zu deiner vorherigen Frage, dass du gefragt hast, ob sich das ankündigt. Die Leute, bei denen sich das vorher ankündig, wenn man das also jemandem sagt, das kündigt sich vorher an, bei denen ist diese Frist auch etwas kürzer gesetzt. Also es ist ein komplett verwirrendes Gesetz. Und ich kann nur jedem Menièrebetroffenen raten, klärt das erstmal ab, was bei euch Sache ist. Und wenn ihr irgendwann wieder Autofahren wollt, lasst euch das bitte von einem HNO-Arzt bescheinigen, dass ihr keine Attacke hattet.
Tobias [00:14:53] Wahnsinn, was dieser Abend oder was an diesem Abend passiert ist und wie sehr es innerhalb kürzester Zeit dein Leben verändert hat. Ich kann mir vorstellen, du hast da im Krankenhaus gelegen und hattest erst mal richtig viele Fragen, oder?
Thomas Suender [00:15:04] Ja, absolut. Und auch natürlich diese Übelkeit. Ich habe dann natürlich auch ein Beruhigungsmittel, ein Schlafmittel bekommen, aber ich musste dann ein paar Tage in dem Krankenhaus bleiben, auch zur Beobachtung. Man hat dann bei mir diesen Morbus Menière auch mit einem objektiven Verfahren diagnostiziert. Also es ist nicht nur so, dass diese Symptome da waren, sondern man hat mir ein Kontrastmittel ins Ohr gespritzt und dann konnte man auch unterm MRT sehen, dass es vorhanden ist, dieser sogenannte Endolymphatischer Hydrops , das heißt, zu viel Endolymphe im Ohr. Und in dieser ganzen Zeit habe ich mein Leben sozusagen neu erfunden dann.
Tobias [00:15:38] Ja, das kann man wirklich sagen, weil aus dem ohrenkranken DJ dann plötzlich ein Fachbuchautor geworden ist. Und damit sind wir im Grunde wieder da, wo wir ganz am Anfang waren. Du hast ein, könnte man sagen, Standardwerk der Hörakustik geschrieben. Kannst du uns mal ganz kurz erklären, wie das passiert ist?
Thomas Suender [00:15:54] Also ich habe tatsächlich schon diese Idee im Krankenhaus gehabt und zwar war es so, dass ich eigentlich nach einem Buch gesucht habe, was ich jetzt gerne lesen würde, wo ich einfach mal so grundlegend was über das Gehör erfahre, wo aber kein Fach-Chinesisch drin vorkommt. Und es gab´s nicht und dann habe ich gedacht, das könnte ich eigentlich selbst schreiben und habe schon vom Krankenhaus aus den Doktor Andreas Borta angerufen, ein Freund von mir, der sowohl Medizin als auch Psychologie studiert hat. Der zu dem Zeitpunkt in einem Pharma-Unternehmen in einem Bereich gearbeitet hat, die auch sich mit Hörstörungen befasst haben, habe ihm die Idee geschildert und dann habe ich mich richtig in die Recherche reingekniet und habe ein Exposé geschrieben, einen Verlag dafür gewonnen. Ja, und dann hab ich zwei Jahre lang damit verbracht, für dieses Buch zu recherchieren und es zu schreiben.
Tobias [00:16:41] Wie wurde das Buch aufgenommen, als es veröffentlicht wurde?
Thomas Suender [00:16:43] Es wurde zum Glück von allen, sage ich mal, die es angeht, sehr gut aufgenommen. Also einerseits von Fachleuten, andererseits aber halt vor allen Dingen auch von Leuten, die selbst von Hörstörungen betroffen sind, die gesagt haben, oh jetzt habe ich es endlich mal verstanden. Also ich habe dieses Buch als erzählendes Sachbuch aufgebaut. Das heißt, ich habe meine eigene Geschichte erzählt, vom Krankenhaus angefangen, beim Nichtwissen. Und je mehr ich Wissen gewinne, desto mehr vermittel ich das auch und nehme die Leser praktisch mit auf diese Reise. Das ist sozusagen der Trick, warum jeder Laie das Buch ganz gut lesen kann.
Tobias [00:17:16] Das witzige ist ja, dass dieses Buch dann auch wieder der Türöffner in deinen nächsten Job geworden ist.
Thomas Suender [00:17:21] Genau, dieses Buch landete bei Personen in einem Unternehmen, das mit Hörakustik zu tun hat, auf dem Schreibtisch. Also das war ein Gründer von diesem Unternehmen und der hat es dann seinem Marketingchef auf den Tisch gelegt und hat gesagt, da steht eigentlich alles drin, was unsere Kunden wissen müssten. Und dieser Marketingcheff, guckt drauf, Thomas Sünder, kenne ich, und es stellt sich raus, ich hatte auf seiner Hochzeit aufgelegt...
Tobias [00:17:42] Nein!
Thomas Suender [00:17:42] So, keine Ahnung, Zehn Jahre vorher. Der hat sich an mich erinnert und hat es gelesen, fand es auch gut, hat mich dann angeschrieben und hat mich halt gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, für die als Texter zu arbeiten. Und so kam es dann, dass ich als Texter in einem Hörakustikunternehmen angefangen habe, in der Branche zu arbeiten
Tobias [00:18:02] Und das war aber nicht deine Endstation in der Branche, denn du hast dann auch noch in einem Affenzahn dein Hörakustikameister gemacht. Wie ist es dazu gekommen?
Thomas Suender [00:18:10] Ja, es ist tatsächlich so, dass man den Hörakustikmeister als Quereinsteiger machen kann, wenn man zwei Jahre lang in einem Unternehmen der Hörakustik gearbeitet habe, was ich getan habe als Texter und eine abgeschlossene Ausbildung irgendeiner Art habe. Ich habe ja ein Hochschulstudium, also das hat dann gepasst. Nur der Punkt ist, man muss natürlich dann auch, man kann sich dann schon für die Prüfung sozusagen anmelden, aber man muss sie natürlich schaffen. Das war's. Ich habe dann halt an einer Meisterschule, die auf Quereinsteiger spezialisiert ist, Kurse besucht und habe praktisch innerhalb von acht Monaten alle Kurse belegt und dann die Prüfung gemacht und habe die zum Glück dann auch bestanden.
Tobias [00:18:49] Du hast eine ganze Weile dann auch in einem Hörakustikstudio gearbeitet, bis du wieder Hörstürze hattest.
Thomas Suender [00:18:56] Ja.
Tobias [00:18:56] Dann hast du dich weiterentwickelt, jetzt zum Hörtherapeuten. Einmal ganz kurz, was ist ein Hörtherapeut?
Thomas Suender [00:19:02] Hörtherapeut ist zum einen so, dass ich mit Kunden, die Hörgeräte bekommen, ein Hörtraining durchführen kann, was die Adaption an die Hürgeräte massiv beschleunigt oder einfacher gesagt, es strengt weniger an zu verstehen. Und das Tolle dabei ist, ich habe dieses Hör-Training selbst vorher absolviert und ich konnte wirklich meinen, meine Höranstrengungen auf die eines Normal-Hörenden damit bringen. Das hat mich überzeugt, das ist also ein wichtiger Punkt, dieses Hörtraining. Und der zweite wichtige Punkt ist Tinnitus. Also wir können mit einem Verfahren bei Menschen die Belastung durch den Tinnitis massiv senken.
Tobias [00:19:37] Du hast dich so oft neu erfunden, dass es auf der einen Seite total bewundernswert, aber was hat es auf die anderen Seite mit dir gemacht? Wie fühlt sich das an, permanent was Neues beginnen zu müssen?
Thomas Suender [00:19:49] Das Neubeginnen ist eigentlich was Schönes, also immer wieder was Neues lernen. Ich werde auch versuchen, für den Rest meines Lebens neue Sachen zu lernen, ja. Weil das Schöne ist ja auch, das Gehirn bleibt ein Leben lang neuroplastisch. Das heißt, wir können immer wieder etwas Neues lernen, nur was ich mir nicht mehr wünsche, ist, dass es aus einer Notsituation heraus passiert. Also ich bin jetzt durch diese Katastrophe in was ganz Tolles reingegangen, weil die Hörakustikbranche ist wirklich toll, weil ich Ich kenne keinen anderen Bereich. Der so sehr Hightech und Wahrnehmung und Psychologie und Technologie verbindet. Man hat es mit super genialen Technologieprodukten zu tun, aber man hat es auch mit Menschen zu tun. Also die Mischung ist schon sehr toll.
Tobias [00:20:31] Thomas, ganz zum Schluss, fasse ich das nochmal zusammen. Du warst Musiker, du warst DJ, Hörakustiker-Meister, Fachredakteur für Hörakustik. Nun bist du Hörtherapeut und Buchautor. Du hast ein Buch geschrieben über Hochzeiten, du hast ein Sachbuch geschrieben und, das haben wir noch gar nicht erzählt, auch noch zwei Science-Fiction-Romane, die sogar Preise gewonnen haben. Was kommt als nächstes? Ein Kochbuch?
Thomas Suender [00:20:55] Warten wir mal, was das Leben so für mich bereithält. Aber auf jeden Fall werde ich immer der Hörakustik verbunden bleiben, weil da passiert halt auch einfach so viel. In der Hörtakustik gibt es immer wieder neue Entwicklungen.
Tobias [00:21:05] Ich habe auch irgendwie das Gefühl, dass dir die Energie und die Ideen nicht ausgehen werden.
Thomas Suender [00:21:09] Das will ich hoffen.
Tobias [00:21:11] Thomas, hab ganz, ganz herzlichen Dank für deinen Besuch. Das war wirklich sehr interessant, was du uns hier mitgebracht hast.
Thomas Suender [00:21:17] Danke, war schön hier zu sein.
Tobias [00:21:18] Und natürlich verlinken wir euch die Homepage von Thomas und auch noch mehr Informationen zu Morbus Menière in unseren Show-Notes. Wir hoffen, euch hat's gefallen, wenn ja, dann schenkt uns bitte ein Lächeln, in Form eines Likes, abonniert den Channel und empfehlt uns bitte gerne weiter, darüber würden wir uns total freuen. So viel für heute bei Hearing Connects, aber es kommt mehr. Alle zwei Wochen gibt es eine neue Folge. Mein Name ist Tobias Plöger und ich freue mich, euch beim nächsten Mal wieder mit dabei zu haben. Also, wir hören uns.
Station Voice [00:21:48] Vielen Dank fürs Zuhören und bis zum nächsten Mal bei Hearing Connects. Ihr wollt gutes Hören möglich machen? Dann kommt in unser Team. Mehr auf career.fielmann.com